Widerstand gegen das Fremde? – Ja – aber!

einwanderungsland-th

(Fortsetzung von gestern)

Also, wie kriege ich die Kurve. Die Kurve vom Konservativen zum Progressiven?

Es ist mein Job, dass ich meine Schüler dazu bringe, ihren Widerstand aufzugeben und den deutschen Gebrauch des Artikels in den verschiedenen Fällen mental zu integrieren. Und dies auch noch so, dass sie am Ende automatisch, ohne Nachdenken, spontan die richtigen Formen über die nun bereitwilligen Lippen bringen.

Beim Sprechen kann man nicht auch noch über die Grammatik der Sätze, die man sagt, nachdenken. Grammatiklernen bedeutet immer: Automatisieren! So verinnerlichen, dass der Gebrauch zur Gewohnheit wird.

Wer eine Fremdsprache lernt, etabliert neben den muttersprachlichen Gewohnheiten neue – Gewohnheiten.

Er oder sie wird multikulturell. Bewegt sich nun in zwei verschiedenen (manchmal sogar gegensätzlichen, sich aneinander reibenden) Gewohnheitswelten. Die sich schließlich an einander gewöhnen, sich nicht mehr fremd sind.

Also – es gibt hier nicht eigentlich ein JA! zum Widerstand, sondern ein JA- ABER!

Halten wir fest: Wer eine Fremdsprache lernt, gibt damit nicht seine Muttersprache auf. Sie bleibt bestimmend.

Die Fremdsprache überwältigt die Muttersprache nicht. Verdrängt sie nicht.

Das Konservative wird durch das Progressive nicht ersetzt.

Das Neue setzt sich parallel.

Im Kopf kommt es zu einer sprachlichen Parallelgesellschaft.

Für fast jeden, der das erlebt, ist es ein Gewinn. Die beiden Gesellschaften – parallelen Gewohnheitswelten – verstärken sich gegenseitig, die Muttersprache gewinnt hinzu. Sie kann Stärken aus der neuen Sprachwelt übernehmen.

Konservativ und progressiv widersprechen sich also nicht. Im Gegenteil. Sie bedingen sich. Das eine ist die Bedingung der Möglichkeit des anderen.

Wer nur progressiv ist, verliert das, worauf er aufbauen muss, und geht unter.

Wer nur konservativ ist, lernt nicht dazu und geht angesichts der sich verändernden Welt unter.

Die Sache kann also in zweierlei Richtung schief gehen.

Die einen halten verbiestert, aggressiv oder resignativ, fest am Gewohnten und verweigern das Lernen, weigern sich, sich selbst zu verändern. Das Fremde ist für sie primär eine Gefahr, die sie ausschalten wollen. Sie schotten sich ab.

Die anderen machen den Fehler, dass sie dem konservativen Festhalten am Gewohnten mit Verachtung begegnen. Sie flüchten vor sich selbst. Denn zunächst einmal bin ich das, was ich gewohnt bin – und hoffentlich nicht verliere, wenn ich dazulerne.

Es gibt Deutsche, die mögen ihr Deutschsein nicht … Für sie ist die kritische Wendung gegen das Deutsche und das Deutschsein die Möglichkeit einer Flucht vor sich selbst.

Jaa, die Deutschen sind schlimme Rassisten! Arrogant sind sie, unbelehrbare Kotztypen! Und dann diese deutsche Geschichte! Ein Scheißvolk!

Diesen (neurotischen) Fehler gibt es auch. (Links.)

Es ist nicht meine Aufgabe als Integrationskurslehrer, meine Schüler auf solche Weise vor uns Deutschen und vor der Integration zu warnen.

Um Gottes willen, hütet euch davor, “deutsch” zu werden! Wir Deutsche sind ein höchst problematisches Volk! Wenn ihr Deutsche werdet – bitte nur als Staatsbürger und mit der Zweitsprache!

Den Fehler gibt es analog auch auf der anderen Seite. Ich habe schon Einwanderer (sogar der ersten Generation) kennengelernt, die ihre Herkunft und ihre Muttersprache zu verbergen versuchen und sich bedingungslos zu assimilieren versuchen. Die auch ihre Muttersprache vernachlässigen und verdrängen und nach und nach vergessen.

Es ist ein Verlust. Ein unnötiger Verlust.

Ein Verlust für die Person, ein Verlust auch für Deutschland und für uns Deutsche.

Fortsetzung folgt. Wie verhalten sich – politisch, in Integrationsfragen etwa – das Konservativsein und das Progressivsein zueinander?

Oder: Warum ich, Leo Brux, ein deutscher Patriot bin.

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