Sarrazin: “Feindliche Übernahme” (1)

islamWer liest ein Buch wie dieses?

Deutschland schafft sich ab” wurde millionenfach gekauft – und wenig gelesen – und wenn es von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen wurde, dann vor allem von Leuten wie ich es bin: von neugierigen Gegnern.

Die Anhänger von Sarrazin haben das Buch gekauft, aber es nur ins Regal gestellt, gelegentlich angeblättert. Wozu ein Buch lesen, wenn man sowieso schon “alles weiß”?

So wird es auch diesmal sein. Der Bestseller wird wenig gelesen werden, vor allem nicht von den Islamophoben. ICH hingegen gewähre mir das Vergnügen (!) der Lektüre.

Man kann heute schon mal einige böse Verrisse des Buches in den Medien finden. Sie werden, so nehme ich an, berechtigt sein.

Aber sie nehmen mir nicht das Vergnügen einer direkten Auseinandersetzung mit Sarrazins Text.

Ich finde, Sarrazin ist ein guter Gegner. Er ist intelligent, halbwegs informiert (trotz vieler sachlicher Fehler), raffiniert, strategisch und taktisch versiert. Endlich mal ein richtiger Gegner!

Also werde ich das Buch lesen, Seite für Seite. Und hier zitieren und kommentieren.

Wen es interessiert – es gibt eine Artikelserie zu seinem ersten Bestseller, Deutschland schafft sich ab, 2010. Kapitel für Kapitel zitiere ich dort die wichtigsten Aussagen und beantworte sie ausführlich.

Ich ARGUMENTIERE.

Das werde ich auch diesmal tun. Das Vorwort habe ich bereits gelesen. Morgen kommt dazu der erste Artikel.

Die Serie wird also über viele Artikel laufen, und diese Artikel wiederum werden parallel laufen zu der anderen Serie, die ich der Debatte in der InitiativGruppe widme.

Vorab zwei Punkte:

1. Sarrazin behauptet, in zwei oder so Generationen seien die Muslime die Mehrheit in Deutschland. – Das ist schlicht paranoid. Schon in “Deutschland schafft sich ab” hat er hier mit Zahlen betrogen. Ich werde, sobald ich mit der Lektüre die entsprechenden Seiten erreicht habe, das “demographische Argument” genau nachprüfen. (Vgl. FAZ: 24% pro, 73% contra Muslim-Einwanderungsverbot)

2. Sarrazin fordert ein Einwanderungsverbot für Muslime. – Macht er sich damit nicht zum Verfassungsfeind? Man stelle sich vor, ein Land wie Deutschland beschließt Gesetze gegen Muslime … Bitte, man stelle sich das einmal ganz konkret und in allen seinen Nebenwirkungen und Außenwirkungen vor. Eine so extremistische Gesetzgebung ginge nur mit einer Regierung und einer Mehrheit im Volk, die vergleichbar wären mit Regierung und Volk im Jahre 1933. – Ich werde darauf zurückkommen. (Vgl. FAZ: 24% pro, 73% contra Muslim-Einwanderungsverbot)

Aber wie oben gesagt, ich werde Sarrazin Satz für Satz ernst nehmen, mich außerdem nicht auf die von Rezensenten festgestellten zahllosen Schlampereien und sachlichen Irrtümer konzentrieren, sondern auf den Kern seiner Argumentation.

Hier einige Rezensionen: 

https://www.sueddeutsche.de/kultur/neues-sarrazin-buch-deutschland-braucht-dieses-buch-so-dringend-wie-einen-ebola-ausbruch-1.4109017

https://www.zeit.de/2018/36/feindliche-uebernahme-thilo-sarrazin-islam-buch

https://www.n-tv.de/politik/Ein-Buch-das-nur-zerstoeren-kann-article20594443.html 

https://www.tagesspiegel.de/politik/sarrazins-neues-buch-thilo-sarrazin-legt-nach-verletzend-grenz-rassistisch-und-manipulativ/22974564.html

https://www.radiobremen.de/bremenzwei/aktuell/thilo-sarrazin100.html 

https://www.berliner-kurier.de/berlin/kiez—stadt/500-seiten-ueber-islam-neues-buch-von-sarrazin—kritiker-sprechen-von-hetze-31189898

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/neues-thilo-sarrazin-buch-ueber-den-islam-ist-voller-fehler-15763054.html

Das ist nur eine kleine Auswahl.

Wer einen Artikel findet, der Sarrazin ARGUMENTATIV verteidigt gegen diese Verrisse, möge im Diskussionsteil den Link dazu setzen!

Am besten aber: Argumentiert mit! Geht auf die Kritik ein und bemüht euch um das bessere Argument!

Ich werde selbst versuchen, Sarrazin zu verteidigen. (Es wäre doch langweilig und wenig lehrreich, wenn ich mich nur der Kritik anschließen würde, die in den – berechtigten! – Verrissen deutlich wird.)

Kommentare

  1. Falstaff meint:

    Dann stelle ich auch mal ein zwei Links dazu ein:

    Sarrazin soll ungelesen hingerichtet werden
    https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus181312692/Islam-Buch-Sarrazin-soll-ungelesen-hingerichtet-werden.html

    Zuerst sollte man das neue Buch Sarrazins mal lesen
    https://www.pfaelzischer-merkur.de/welt/politik/zuerst-sollte-man-das-neue-buch-sarrazins-mal-lesen_aid-24336841

    Wenn ich mir die VORAB-Artikel in den Medien so ansehe, gehe ich davon aus, das auch die Herren Journalisten/Redakteure beim Lesen max. bis zum Inhaltsverzeichnis gekommen sind. Wenn überhaupt.

  2. Frank Berghaus meint:

    Mit Freude verweise ich auf auf die gerade erschienene Rezension unseres Freundes Abdel-Hakim Ourghi zu Sarrazins neuestem Machwerk:

    https://www.facebook.com/hakim.tilimcen/posts/2404724769568010?__tn__=K-R

  3. Frank Berghaus meint:
  4. Falstaff meint:

    Was der Meinung des Autors entspricht, wird unhinterfragt in Anspruch genommen. Gegenpositionen hingegen tritt [Ourghi] nicht mit Argumenten entgegen, sondern vielmehr mit schonungsloser Kritik, die eher einer persönlichen Abrechnung gleicht.

    Aber

    Real existierende Probleme in Zusammenhang mit dem Islam und den in Deutschland lebenden Muslimen sollen hier nicht geleugnet werden. Eine differenziert vorgebrachte Kritik über den Islam ist selbstverständlich und berechtigt. Diskussionsverweigerung seitens der Muslime behindert ihre Integration.

    Sarrazin ist kein Islamexperte und wird auch keiner werden.

    (Will er das denn überhaupt? Hat er das behauptet, zu sein ?
    Herr Ourghi maßt sich das offenbar an.)

    Und es ist auch kein Ausdruck einer ernsthaften Besorgnis, sonst müsste es auch konstruktive Vorschläge einbringen.

    (Warum MUSS er das ? )
    Und sie richten sich besonders an die schweigende Mehrheit, die für Verständigung, ein menschliches Miteinander und – auf Seiten der Muslime – einen friedlichen Islam als private Religion einstehen.

    (Gegen eine rein PRIVAT gelebte, FRIEDLICHE Religion ist nichts einzuwenden. Die Betonung liegt auf PRIVAT !)
    ….

    …und aus einem Kommentar….

    Roland Fakler Ich zitiere hier nur aus dem „heiligen Koran“ nach einer Übersetzung des renommierten Tübinger Islamwissenschaftlers Rudi Paret. Dabei wird wohl klar, dass selbständiges Denken nicht erlaubt wird…jedenfalls nicht von Gott…oder sollte ich besser sagen: von denen, die ihn für ihre Herrschaft benutzen.

    „2.2. Dies ist ein vollkommenes Buch; es ist kein Zweifel darin: eine Richtschnur für die Rechtschaffenen;

    2:23. Und wenn ihr im Zweifel seid über das, was Wir hinab gesandt haben zu Unserem Diener, dann bringt eine Sura hervor wie diesen (Koran) und ruft eure Helfer auf außer Allah, wenn ihr wahrhaft seid.

    2:24. Doch wenn ihr es nicht tut – und nie werdet ihr es vermögen –, dann hütet euch vor dem Feuer, dessen Nahrung Menschen und Steine sind, bereitet für die Ungläubigen.

    2:39. Die aber ungläubig sind und Unsere Zeichen leugnen, die sollen Bewohner des Feuers sein; darin müssen sie bleiben.»

    3:19 Als (einzig wahre) Religion gilt bei Gott der Islam. … Wenn aber einer nicht an die Zeichen Gottes glaubt, ist Gott schnell im Abrechnen.“

    17:105 Mit der Wahrheit haben wir ihn (d.h. den Koran) hinab gesandt, und mit der Wahrheit ist er hinab gekommen. …

    26:192 Und er (d.h. der Koran) ist vom Herrn der Menschen in aller Welt (als Offenbarung) herab gesandt. ..

    48:28 Er ist es, der seinen Gesandten mit der Rechtleitung und der wahren Religion geschickt hat, um ihr (d.h. der wahren Religion des Islam) zum Sieg zu verhelfen über alles, was es (sonst) an Religion gibt. Gott genügt (dafür) als Zeuge.

    P.S.
    „Die Toleranz in der Gesellschaft muss jedem Bürger die Freiheit sichern zu glauben, was er will“, wusste schon Friedrich der Große. Dazu gehört auch, seine Meinung in einem Buch zu verbreiten !

  5. Falstaff meint:

    Gefragt:

    Gilt nicht die Abrogation? Die jüngeren Suren der Medinazeit gelten und löschen die älteren Suren der Mekkazeit bei Widerspruch aus?

    Erklärung:

    Sure 2:106″ Wenn wir einen Vers (aus dem Wortlaut der Offenbarung) tilgen oder in Vergessenheit geraten lassen, bringen wir (dafür) einen besseren oder einen, der ihm gleich ist. Weißt du denn nicht, daß Gott zu allem die Macht hat?”

    Was sagt Ourghi dazu ?

    Abdel-Hakim Ourghi Ich habe sooft über den ethischen Koran geschrieben. Leute, die meine Schriften kennen wissen genau, dass ich den politisch-juristischen Koran historisch zeitbedingt betrachte. Dieser Koran ist für das siebte Jahrhundert gedacht.

    Frage:

    Was nützt es, wenn nur ER und wenige Andere den Koran so betrachten ?

    Nüscht.

    Tun das die isl. “Religionsgemeinschaften” weltweit auch ?

    Nö.

  6. Falstaff meint:

    Zur Selbstaufklärung des Islams kann es bei Ourghi nur durch die viel geforderte, aber weiter nur von einer Minderheit praktizierte historisch-kritische Methode kommen. Ourghi hält sich dabei nicht mit philologischer Kleinarbeit auf. Er teilt den Koran schwungvoll in zwei Hälften und fordert die Konzentration auf den ethischen Koran der frühen mekkanischen Phase. Den politisch-juristischen Koran der späten medinensischen Phase, der von historischen Machtmotiven durchzogen sei, erklärt er in weiten Teilen für obsolet, darunter die berüchtigten Schwertsuren, die zum Kampf gegen Ungläubige aufrufen. Die zweite zentrale Glaubensquelle neben dem Koran, die Tradition des Propheten, sondert er ganz aus. Sie ist für ihn – wie für andere Vertreter seines Fachs – ein Spiegel politischer Interessen. Vermeintliche Glaubensvorschriften kann Ourghi durch die Deutung einzelner Suren entkräften: So bestrafe der Koran nicht den Abfall vom Glauben, und das Kopftuch sei keine religiöse Vorschrift.

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/abdel-hakim-ourghi-40-thesen-zur-reform-des-islams-15318169.html

    “…aber weiter nur von einer Minderheit praktizierte historisch-kritische Methode”

    SO EINFACH macht es sich der Herr Ourghi…

    Er sagt aber auch…

    Das Kopftuch ist ein historisches Produkt der männlichen Herrschaft in der Geschichte der Muslime, ein Instrument der Unterwerfung der Frau. Denn es geht dabei um die Kontrolle des Körpers und des Geistes der Frauen, damit sie sich der männlichen Macht unterordnen. Es gibt nirgendwo auf der Welt eine Gemeinschaft, die mehr Angst hat vor der Selbstbestimmung und der Selbsterfüllung der Frauen als die Muslime.

    https://rp-online.de/politik/deutschland/abdel-hakim-ourghi-das-kopftuch-ist-ein-instrument-der-unterwerfung_aid-24216549

    Interessanter Artikel !

  7. Die in Deutschland mit Muslimen existierenden oder vermeintlich existierenden Problem auf den Islam zurückzuführen wird uns nicht weiter bringen.

    Ebenso bringt uns Toleranz gegenüber salafistischen Interpretation des Islam noch viel weniger weiter. Es wird hier durch Sarrazin und Konsorten eine Strohmann Diskussion geführt, indem der Eindruck erweckt wird, dass es Kreise gibt die Toleranz für die salafistische Auslegung (genau die ist Gegenstand des Buches, wird aber nicht so benannt) des Islam fordern.

    Das schlimmste und schädlichste jedoch ist es, die salafistische oder wahabitische Auslegung des Islam als Standart zu definieren und darauf basierend eine Argumentation über den Islam vorzunehmen, das outet eine Person entweder als unwissend oder sofern dies bewusst geschicht, als gefährlich.

    Wer noch nicht einmal weiß, dass sich die fünf Säulen des Islam z.B. nicht direkt aus dem Koran ableiten, die Riten und Praktiken im Islam rein aus dem Koran nicht abzuleiten sind und die tausendjährige Koranexgese ignoriert, verfolgt ganz andere Absichten als “Islamkritik”.

    Der Mythos, insbesondere unter selbsternannten Koranexperten und Surendreschern wie Falstaff oder Sarazin, das was im Koran stehe sei ohne Interpretation zu übernehmen, ist 1:1 die Argumentation islamistischer Extremisten und ist keine gängige Praxis im Islam und war es auch nie.

    Den Islam also rein auf den Koran zu reduzieren, der nur einen kleinen Teil des religiösen Lebens eines Moslems ausmacht, ist eine gern benutzte Methode.

    Würde man jedoch einen genaueren Blick riskieren und sich mit den tatsächlichen Problemen der islamischen Welt beschäftigen, würde sich ein sehr differenziertes Bild zeichnen, welches jedoch für Hetze innerhalb Deutschlands unbrauchbar wäre.

    Die angesprochenen Probleme z.B. des Sexismus, Frauenrechte, Rückständigkeit (die es in Teilen der isl. Welt gibt) sind Dinge die sich ebenso in ähnlichen christl. Ländern wiederfinden und somit als regionale/strukturelle Probleme zu bezeichnen sind.

  8. (Gegen eine rein PRIVAT gelebte, FRIEDLICHE Religion ist nichts einzuwenden. Die Betonung liegt auf PRIVAT !)
    ….

    Privat bedeutet eigentlich, dass der Staat sich nicht in die Auslebung einzumischen hat.

  9. Falstaff meint:

    DAS sieht Herr Ourghi offensichtlich anders….

    “Er sehe jedoch die Gefahr, dass Kritik und „unangenehme Wahrheiten nicht ausgesprochen werden, um nicht den Zorn der muslimischen Minderheitsgesellschaft auf sich zu ziehen“.

    Politik und Kirchen sollten „zwischen einem modernen und humanistischen Islam auf der einen und einem orthodoxen und archaischen Islam auf der anderen Seite unterscheiden“, mahnte der Wissenschaftler.

    Bislang fühlten sich viele Muslime auch bei differenzierter Kritik „in ihrer religiösen Ehre verletzt“.

    „Beschönigung und Rechtfertigung anstelle von Aufklärung und Reform sind aber letztlich ein Bestandteil des Problems.“

    https://www.welt.de/politik/deutschland/article171487239/Gefahr-dass-unangenehme-Wahrheiten-nicht-ausgesprochen-werden.html

    Herr Qurghi wurde übrigens von Seiten der isl. Verbände für seine Thesen vehement angegriffen.

  10. Roland Fakler Ich zitiere hier nur aus dem „heiligen Koran“ nach einer Übersetzung des renommierten Tübinger Islamwissenschaftlers Rudi Paret. Dabei wird wohl klar, dass selbständiges Denken nicht erlaubt wird…jedenfalls nicht von Gott…oder sollte ich besser sagen: von denen, die ihn für ihre Herrschaft benutzen.

    Solche Kommentatoren werden natürlich darauf bestehen, dass andere Auslegungen falsch sind und somit diejenigen unterstützen, die das auch so sehen und andere Auslegungen entsprechend bekämpfen. Eigentlich völlig sinnfrei, stattdessen sollte man lieber moderne und liberale Auslegungen unterstützen und massiv fördern anstatt sich hinzustellen und sie als angeblich falsche Auslegungen zu bekämpfen und fanatische Auslegungen zu unterstützen.

  11. Falstaff meint:

    @KM

    “Privat bedeutet eigentlich, dass der Staat sich nicht in die Auslebung einzumischen hat.”

    Deine PERSÖNLICHE Deutung/Zurechnung.

    Im allgemeinen Sprachgebrauch wird privat meist als Gegensatz von „öffentlich“ gebraucht. Privat steht dabei stellvertretend für den Begriff „persönlich“ oder wird im Sinne von „im vertrauten Kreise“ verwendet. Dieser Wortstamm wird auch häufig in Kombination mit anderen Begriffen verwendet, um deutlich zu machen, dass es sich nicht um eine öffentliche Angelegenheit handelt. Siehe dazu insbesondere auch Privatsphäre.

    siehe auch

    Privatsphäre bezeichnet den nichtöffentlichen Bereich, in dem ein Mensch unbehelligt von äußeren Einflüssen sein Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit wahrnimmt.[1]

    Wiki

  12. Falstaff meint:

    “Solche Kommentatoren werden natürlich darauf bestehen, dass andere Auslegungen falsch sind und somit diejenigen unterstützen, die das auch so sehen und andere Auslegungen entsprechend bekämpfen.”

    Was tut Ourghi anderes ???

  13. Ja, unbehelligt von äußeren Einflüssen, wie dem Staat.

  14. Falstaff meint:

    @ KM

    Eben nicht.

    Privatsphäre bezeichnet den nichtöffentlichen Bereich

    um deutlich zu machen, dass es sich nicht um eine öffentliche Angelegenheit handelt

  15. Privatwirtschaft, Privatschulen, Privatisieren etc. Läuft alles in der Öffentlichkeit. Nur leitet der Staat hier nicht mehr explizit.

  16. Jakobiner meint:

    Sarrazins Buch wird wahrscheinlich wieder ein Bestseller, bietet viele Angriffsflächen und diskrediert seriöse Islamkritiker mit seiner offen zur Schau getragenen Ignoranz und seinem Halbwissen. Seine völlig einseitige Methodik ähnelt Theodor Fritschs Antisemiten-Talmud vor 130 Jahren.

    Dennoch sollte man Sarrazins Diktum des Islam als Ideologie der Gewalt nicht so vorbehaltslos kritisieren. Denn der Islamismus ist nach Faschismus und Kommunismus die nächste totalitäre Ideologie, die sich gedanklich auf den Islam als Religion und den Koran beruft und auch die nächsten Jahrzehnte weiterhin eine Bedrohung darstellt. Dieselben Sarrazinkritiker kämen nicht auf die Idee islamophile Islamfans wie etwa Claudia Roth zu kritisieren oder Muslime, wenn sie vom Islam als der „Religions des Friedens“ reden oder einen Khorchide, der von Allah als einem „Gott der Barmherzigkeit“phantasiert–dafür wurde er von der Phalanx konservativer islamischer Theologen zurückgepfiffen, die Allah als Rachegott und strafenden Gott sehen wollen, wobei liberale Theologen wie Khorchide die absolute marginale Minderheit sind und von der Masse reaktionärer Theologen unterdrückt werden. Von daher ist es auch nicht so falsch wie Sarrazin an der Reformfähigkeit des Islam zumindestens Skepsis zu haben, solange sich diese Zahlenverhältnisse und absoluten Mehrheiten nicht ändern. Ohne Islamexperte zu sein, weiß man doch, dass es genug gewaltverherrlichende Suren und islamische Theologen gibt, dass der Islam wie jede Religion frauenfeindlich, homophob, konservativ bis reaktionär, antimodernistisch ist und durchaus gedankliche Grundlage für Islamisten aller Coleur, die sich auf ihn berufen und massenhaft Blutbäder und Terror anrichten. Man weiss, dass es mit der historisch-kontextualen Aufarbeitung des Korans und Mohammeds in der muslischen Theologie und Welt nicht weit her ist und Leute, die dies versuchen, Repressionen bis hin zur Todesstrafe befürchten müssen.Zudem wird die angebliche Goldene Ära des Islams auch gnadenlos glorifiziert, romantisiert und überhöht von interessegeleiteten islamophilen Orientalisten und Islamexperten. Und mit derselben Berechtigung mit der FAZ und SZ Sarrazin kritisieren, könnten sie auch einmal das Machwerk des islamophilen Orientalisten Juan Cole „Mohammed-Prophet des Friedens“ kritisieren, das Sarrazins ignoranter Verteufelung des Islam in seiner naiven Idealisierung und Beschönigung in nichts nachsteht.Kurz: Wer Sarrazin kritisiert, sollte erst einmal die Flut von islamophilen Geschichtsklitterern und unkritischen Islamfans kritisieren.

  17. Frank Berghaus meint:

    Es gibt viel Unsinn, der in Kreisen der sog. Islamkritiker kursiert (wobei mir da vor allem der Hetzer Michael Stürzenberger einfällt). Solche Leute behaupten steif und fest, dass der Koran auf immer unveränderlich sei und dass via Abrogation die medinensischen die mekkanischen Suren ungültig machten. Beides ist Unsinn:

    Seit dem 8. Jahrhundert ist der Koran vielfach geändert worden. Die derzeit gültige Version stammt von 1953. Dazu kommt eine stetig wachsende Literatur (zumeist in Al Azhar, Kairo), die umfänglichste Exegese (arab. tafsïr) betreibt, dem zum Teil widersprüchlichen Wortsinn der Schriften einen theologischen Sinn gibt. Manches ist bis heute nicht endgültig geklärt.

    Die sog. Abrogation findet im Koran selbst keine Stütze, sondern entspringt einer der Ahadith, die recht wilkürlich autorisiert und nicht-autorisiert daherkommen (ähnlich den apokryphen Schriften in der Bibel).

    Es kann also keine Rede davon sein, dass die mekkanischen Suren keine Gültigkeit mehr hätten. Es hängt im Endergebnis ganz davon ab, wie man die medinensischen Suren historisch-kritisch betrachtet. Wahhabiten und Salafisten nehmen sie als gegebene Vorschriften an, die restlichen Islam-Schulen distanzieren sich unterschiedlich weit und teilweise komplett davon.

    Ourghi vertritt nun (etwa zusammen mit Seyran Ates) das, was man liberalen Islam nennt, zum Beispiel auch mit Anerkennung der “Ehe für alle”. In der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin predigt regelmässig ein schwuler Imam.

    Als Leckerli möchte ich gern noch den Unsinn mit den 72 Jungfrauen im Paradies der Märtyrer klären. Die 72 haben keinen numerischen Wert, sondern entspringen der Zahlenmystik: 70 = viel, 71 = sehr viel, 72 = ausserordentlich viel. Und die Jungfrauen entspringen einem Missverständnis. In den frühen Versionen ist hier von “Frauenperle” die Rede, einer damals in Arabien beliebten Weinsorte. Das wurde nach der recht spät erfolgten Ächtung des Alkohols nicht mehr erkannt und in Jungfrau umdeutet. Den armen Märtyrer erwartet also nicht endloses Kopulieren, sondern jede Menge vom besten Wein.

    Zur Ächtung des Allâhols im Islam kann ich gern berichten falls gewünscht :D

  18. Jakobiner meint:

    Sarrazins Buch wird wahrscheinlich wieder ein Bestseller, bietet viele Angriffsflächen und diskrediert seriöse Islamkritiker mit seiner offen zur Schau getragenen Ignoranz und seinem Halbwissen. Seine völlig einseitige Methodik ähnelt Theodor Fritschs Antisemiten-Talmud vor 130 Jahren. In einem Paranoiagemälde malt er eine Islamisierung Deutschlands und Europas durch Muslime aus. Dabei ignoriert er, dass die Zuwanderung aus diesem Kulturkreis schon jetzt begrenzt wird, dass die meisten Zuwanderer innerhalb Europas inneneuropäische Binnenwanderungen europäischer, nichtmuslimischer, zumal säkularer Jugendarbeitsloser und Fachkräfte sind, wie auch mindestens die Hälfte der Zuwanderer aus dem muslimischen Raum säkulär sind, seien es jetzt Iraker, Syrer, Lybier, o.a. Zudem fordert er ein Zuwanderungsverbot für Muslime in der Tradition PiS-Polens und Orban-Ungarns oder der Trump-USA, wobei sich fragt, inwieweit sich dies mit Grundgesetz, EU-Recht und internationalen Verträgen verträgt.

    Von daher ein paranoides Gebräu, das mit den Realitäten nichts zu tun hat. Mit der Realität hingegen hat zu tun, dass die Bevölkerungsexplosion im Greater Middle East und den muslimisch dominierten Staaten weiter anhalten wird, der Migrationsdruck steigen wird, wie dies auch die politische und gesellschaftliche Stabilität dieser Länder untergraben kann und auch den Nährboden für islamistische Bewegungen oder aber einen zweiten arabischen Frühling schafft. Das ist keine Paranoia.

  19. Fantomas007 meint:

    “Den armen Märtyrer erwartet also nicht endloses Kopulieren, sondern jede Menge vom besten Wein.”+

    Verdammte Scheiße nochmal. So viel Mühe……. nur wegen Wein.
    Das lohnt sich ja gar nicht :)
    Ich hätte sowieso lieber zehn Pornodarstellerin als 72 Jungfrauen.

  20. Putschdämon meint:

    @Frank Berghaus
    Der Stürzenberger ist in der Tat ein ziemlich unangenehmer Demagoge, Bollerkopp und, ja, Fanatiker seiner Mission. Seine Islam-Gegnerschaft trägt obsessive Züge und stellt die Probleme, die wir in bezug auf Einwanderung und Parallelgesellschaften haben, viel zu monokausal dar.

    Er ist in der Hinsicht aber nur das Spiegelbild zu anderen Bollerköppen auf der Linken, die im Kampfe gegen den ihrer Meinung nach irgendwie vom Himmel gefallenen, bzw. aus dem Schlund der Hölle gequollenen “Rechtspopulismus” den Sinn ihrer Existenz gefunden haben. Beiden Lagern fehlt der Sinn für Kausalität, m.E.

    Was den Islam per se angeht, die liberalen Ausleger in allen Ehren, meine Solidarität haben Sie selbstverständlich. Indes, es ist in der Worklichkeit völlig gleich, was in diesen Büchern angeblich steht, ob Mohammed der Warlord Köppe tranchiert oder den Christopher Street Day ins Leben gerufen hat (so ist glaub ich die Spannweite der Interpretationen, je nach Asrichtung und Taktik), relevant ist, was geglaubt wird, was befolgt wird von der breiten Masse der Dritte-Welt-Völker und Einwanderer-Communities, die sich auf diesen Kultus berufen.

    Und da muss man feststellen: Ates und Ourghi stehen auf ziemlich verlorenem Posten, sie sind isoliert und sogar geächtet. Gepamperte TV-Musliminnen bezeichnen sie gerne als “Hausmuslime”, also letztlich Verräter an der Sache, die sich mit dem Feinde gemeinmachen. Reaktion der Progressiven? Schweigen. Ja, nicht mal die Solidarität vieler linker Europäer ist ihnen hold, die die strenggläubigen, anti-westlichen Muslime wohl als irgendein Proletariats-Ersatz betrachten und daher den einzelnen Reformern in den Rücken fallen. So siehts leider aus und daran ändert kein Sarrazin-bashing irgendwas, alles nur Substitutionsaggressionen (gibts das ? :) )

  21. Mein Eindruck ist eher, dass die Communities und Völker sich größtenteils kaum um die Religion oder den Kultus scheren.

  22. Wolfgang meint:

    Schon 2006 versuchten mich sog. “Islamkritiker” davon zu überzeugen, das Muslime bis 2015 mindestens(!) 30% der Bevölkerung ausmachen werden. Und um 2030, spätestens aber 2040 herum sogar in der Mehrheit wären.

    Um einen solchen Schwachsinn zu widerlegen musste ich noch nicht mal nachrechen. Ganz abgesehen von der unsinnigen Gleichung “Jeder Muslim = religiös-fundamentalistischer Muslim”

    Die waren aber felsenfest von ihrer Rechnung überzeugt.

    Und das ist auch eines der Hauptprobleme:
    Sie glauben den Schwachsinn nicht nur, sie WOLLEN ihn glauben.

  23. Schon viel früher als 2006. Es gab schon in den 1970ern solche Leute. Und immer soll innerhalb der nächsten 10-15 Jahre der Untergang eintreten. Und es verschiebt sich dann natürlich jedes Jahr um ein Jahr nach hinten.

    Und das ist auch eines der Hauptprobleme:
    Sie glauben den Schwachsinn nicht nur, sie WOLLEN ihn glauben.

    Wie ein religiöser Fanatiker.

  24. Frank Berghaus meint:

    Eine hübsche Glosse zur Sarrazin-Präsentation:

    Erst schiessen und dann die Zielscheibe malen:

    https://www.zeit.de/kultur/2018-08/thilo-sarrazin-feindliche-uebernahme-argumentation-islam

  25. Naja, ich sehe es anders herum. Ich gehe nicht davon aus, dass Sarrazin nicht in der Lage ist, seine Aussagen genau zu reflektieren. Der ist wahrscheinlich eher sehr schlau und weiß das er mit so einem Buch gut Geld verdienen kann.

    Deswegen hat er es geschrieben und er hat es so geschrieben, dass es genau auf eine sehr einfach zu beeinflussende Zielgruppe zugeschnitten ist. Sein eurokritisches Buch hat sich nicht so gut verkauft, weil es nicht für eine Zielgruppe geeignet war, die sich leicht beeinflussen lässt und schnell Geld locker macht, nur um etwas zu lesen, was ihnen in ihren Ansichten zustimmt.

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