Sarrazin: “Feindliche Übernahme” (2)

islam(Zum Einleitungsartikel von gestern)

Ich habe versprochen, mit Sarrazin zu diskutieren. Ihn also nicht einfach nur zu verreißen. Das haben nun andere schon heftig genug – und berechtigterweise – getan.

Ich werde mich bemühen, Sarrazin so weit wie möglich entgegen zu kommen. Ihm so weit wie möglich recht geben.

Das lässt sich natürlich nicht in einigen wenigen Absätzen machen. Es könnte also sein, dass ich viele Artikel brauchen werde, um Sarrazin angemessen zu antworten.

Ideal wäre es, wenn es Leute gäbe, die dann Sarrazin gegen mich verteidigen würden. Die also die Debatte ernst nehmen würden und ihr gewachsen wären.

Ich beginne mit einem Absatz in der Einleitung, Seite 13 (mein Layout):

“Natürlich sollen sich die Menschen mischen. Darum habe ich auch nichts gegen Einwanderung, sei es in Deutschland oder Europa.

Aber die, die einwandern, müssen sich auch tatsächlich mischen.

Es ist nicht gut und führt langfristig zu Unfrieden, wenn sich in der Gesellschaft Gruppen bilden, die ethnisch, religiös oder wirtschaftlich dauerhaft abgesondert sind und fast nur untereinander heiraten.

Das führt zu Spannungen und mehrt nicht das gesellschaftliche Glück.

… Einwanderer sollten integrationswillig sein.

Ihre Zahl sollte so bemessen und ihre Zusammensetzung so gemischt sein, dass sich in Europa keine verfestigten ethnischen Untergruppen bilden.”

Zunächst einmal an alle Sarrazinophoben: Darüber muss man schon reden können. Es ist einiges daran problematisch, ich werde das gleich beleuchten, aber es ist ein ernsthaft zu diskutierender Einwand gegen das, was real in unserer Einwanderungswelt passiert.

1. Deutschland ist bunt. Wir leben in einer multikulturellen Realität. Die verschiedenen Gruppen sind weitgehend für einander offen und mischen sich tatsächlich. Wenn auch nur zögernd. Reiche heiraten eher Reiche, Gutaussehende heiraten eher Gutaussehende, Intellektuelle heiraten eher Intellektuelle, Atheisten heiraten relativ selten Hochreligiöse, etc. – um nur mal diese Art der Mischung herauszugreifen. Andere Arten der Mischung bestehen darin, dass man zusammenarbeitet, Bündnisse schließt, einander neugierig zuhört, voneinander lernt. Das alles passiert, wenn auch vielleicht nicht im nötigen Umfang.

2. Einwanderer orientieren sich zugleich an der neuen Umwelt als auch an den mitgebrachten Neigungen als auch an den ihnen nahestehenden Einwanderergruppen, die schon im Lande sind. Sie tendieren dazu, Parallelgesellschaften zu bilden. Das ist ebenso natürlich wie gesund – und ein Übergangsphänomen.

3. Die Integration erfolgt nach und nach – und am Ende, nach einigen Generationen vielleicht erst, steht die Assimilation.

4. Wenn dieser Prozess der Integration behindert wird, ist das schlecht. Wenn er unmöglich gemacht wird, ist das sehr schlecht und zwingt zu Gegenmaßnahmen.

5. Es sei nicht gut und führe langfristig zu Unfrieden, wenn sich in der Gesellschaft Gruppen bilden, die wirtschaftlich dauerhaft abgesondert sind und fast nur untereinander heiraten. – Das ist allerdings auch in Deutschland der Fall. Die Reichen bleiben unter sich, die Armen auch … Ist Sarrazin das noch nicht aufgefallen?

6. Es sei nicht gut und führe langfristig zu Unfrieden, wenn sich in der Gesellschaft Gruppen bilden, die religiös dauerhaft abgesondert sind und fast nur untereinander heiraten. – Das war bis vor kurzem in Deutschland üblich – es war zwar nicht gut, aber doch erträglich. Als ich in der Volksschule war, gab es noch eine Klasse für Katholiken und eine andere für die Evangelischen, und Heiraten zwischen den beiden Konfessionen waren zwar standesamtlich möglich, aber eher verpönt. Es ist heute ein Problem des religiösen Fundamentalismus, den wir bei allen Religionen finden. (Ist er im Islam dominant? – Dazu mehr in einem späteren Artikel.)

7. Es sei nicht gut und führe langfristig zu Unfrieden, wenn sich in der Gesellschaft Gruppen bilden, die ethnisch dauerhaft abgesondert sind und fast nur untereinander heiraten. – Das scheint mir nun gerade auch ein Problem vieler völkisch-deutsch orientierter Bürger zu sein.

8. Einwanderer sollten integrationswillig sein. – Das allerdings meine ich auch. Sind sie es nicht? – Ich bemerke ebenso wie Sarrazin und viele andere auch, dass es unter Migranten gelegentlich so etwas wie eine systematische und prinzipielle Ablehnung der liberalen, multikulturellen, aufgeklärten, säkularen deutschen Welt gibt. Ich bemerke bei manchen Muslimen den Anspruch auf die Bildung einer islamischen GEGENgesellschaft, auf das Recht, eine mit der unseren ausdrücklich inkompatible Gegenwelt aufbauen zu dürfen. – Hier hat Sarrazin ein Thema, an dem wir nicht einfach polemisch vorbeimarschieren dürfen.

9. Einwanderer sollten integrationswillig sein. – Die Einheimischen sollten ihrerseits integrationsbereit sein. Chemnitz führt uns gerade vor, dass dies in Deutschland mancherorts nicht gegeben ist. Hier haben wir gegen Sarrazin ein Thema, an dem er bzw. seine Anhänger nicht einfach polemisch vorbeimarschieren dürfen.

10. Es sollte keine verfestigten ethnischen Untergruppen geben. – Hier machen wir einen Unterschied zu autochthonen Minderheiten. In Deutschland etwa die Dänen in Schleswig und die Sorben südlich von Berlin. In Italien die Deutsch-Südtiroler. In Spanien die Basken (eventuell die Katalanen?). In der Türkei die Kurden! In Bulgarien, Rumänien etc. die Roma. Authochthone Minderheiten haben das Recht, verfestigte ethnische Untergruppen zu bilden, mit eigenem Bildungssystem zum Beispiel und institutionell abgesicherter politischer Mitsprache.

11. Es sollte keine verfestigten ethnischen Einwanderergruppen geben. – Das wäre zu diskutieren. Ich neige dazu, diesem Satz von Sarrazin recht zu geben. Es könnte in der Tat auf eine feindliche Übernahme hinauslaufen, wenn wir es dauerhaft (!) zulassen würden, dass sich Einwanderergruppen als solche verfestigen.

12. Ich sehe nicht die Gefahr, dass Deutschland (oder Europa) das zulässt. Ich sehe eher die Gefahr der Überreaktion, der paranoischen Abwehr.

13. Aber ein Thema ist es schon. Das macht uns – dankenswerterweise – Erdogan klar. Er versucht mittels seiner Lobby in Deutschland und seinem Charisma und seinen Druckmitteln, eine teils islamistisch-türkische, teils türk-chauvinistische GEGENgesellschaft in Deutschland, Österreich und den Niederlanden zu etablieren. Chancen hat er dabei kaum – aber immerhin, er versucht es. Ein Drittel der deutschtürkischen Community spielt dieses giftige Spiel mit und erzeugt die Gefahr der paranoischen Überreaktion.

WIE diskutiere ich hier mit Sarrazin?

Böswillige Leser werden mir vorwerfen, ich würde mich Sarrazin anschließen.

Andere, entgegengesetzt böswillige Leser werden mir vorwerfen, ich leiste der feindlichen Übernahme Vorschub.

Bittesehr.

Ich erwarte mir eure kritische Argumentation! ARGUMENTATION!

Kommentare

  1. Danke für diese wichtigen Denkanstöße. Ich sehe es auch als Gefahr, wenn sich Einwanderergruppen abschotten und sich dem Austausch mit der restlichen Gesellschaft verweigern, vor allem dann, wenn aus ihrer Community heraus die restliche Gesellschaft abgelehnt oder bekämpft wird. Dann vertiefen wir die gesellschaftliche Spaltung. Demokratie funktioniert jedoch nur, wenn unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen miteinander in Austausch gehen und sich nicht (gegenseitig) dem Gespräch verweigern. Lehnt die Mehrheitsgesellschaft allerdings die Minderheit ab, wird sich diese in ihrer Community einigeln. Das passiert zum Teil in türkisch/kurdisch- und arabischstämmigen Gemeinschaften. Da haben wir als Mehrheitsgesellschaft ebenso eine Holschuld (die Öffnung und die Bereitschaft zum wertschätzenden Gespräch auf Augenhöhe) wie die Mitglieder der Einwanderer-Community eine Bringschuld. Es bringt uns nich weiter, wenn jede Seite permanent nur auf die Versäumnisse der anderen Seite verweist. Diese Blockade müssen wir von beiden Seiten her auflösen.

  2. Frank Berghaus meint:

    Man kann es nachvollziehen, wenn man sich die Situation in den USA anschaut, hier Little Italy in New York und China Town in San Francisco (beides habe ich besucht und mich mit den Leuten unterhalten). Auch hier hatten viele zunächst den Eindruck, dass sich Parallelgesellschaften herausbilden (Leos Gegengesellschaften würde ich an dieser Stelle eher nicht übernehmen wollen).

    Doch dann geschah – fast wie abgeredet, obwohl es das nicht war – etwas ganz Erstaunliches, was so nebensächlich klingt, dass man darüber schmunzeln könnte, das aber ein entscheidender Wendepunkt wurde: Die Italiener und die Chinesen begannen, ihren Kindern einheimische Vornamen zu geben. Frank Sinatra oder John Lee wurden geboren.

    Wann werden wir in Deutschland die ersten Frank Özdemir oder Kevin Özil oder Wolfgang Benarous erleben?

    :D :D :D Warten wir es ab!

  3. In den USA wurden viele Einwanderer auch von den Behörden bei der Einreise in eine anglikanisierte Namensform umbenannt.

    Gäbe es das in Deutschland, wäre Familie Özdemir bei der Einwanderung zu Familie Echteisen geworden.

  4. Robert,

    du schreibst: Diese Blockade müssen wir von beiden Seiten her auflösen.

    Seit vielen Jahren überlege ich, WIE. Und finde keine Antwort.

    Ich hab es aufgegeben.

    Ich finde keine Möglichkeit, eine Brücke zu bauen hinüber zum rabiat chauvinistischen Teil der Deutschtürken, und ich finde keine Möglichkeit, eine Brücke zu bauen hinüber zu den erdotürkischen Islamisten.

    Wie ist das mit dir? Siehst du eine Möglichkeit? Bitte beschreib sie mir!

    Du sagst, wir hätten eine Holschuld. So hab ich das auch immer gesehen. Aber ich hab das, wie gesagt, aufgegeben, nachdem ich unmissverständlich darauf hingewiesen wurde, dass sie sich nicht holen lassen wollen. Sie wollen chauvinistische bzw. islamistische Türken sein und bleiben, auch gegen ihre deutsche Umwelt, die sie als türkenfeindlich und islamfeindlich beschreiben und gegen die sie sich wehren.

    Sie grenzen sich also selbst aus, bewusst und entschlossen. Sie WOLLEN NICHT zu uns gehören. Denn dann müssten sie sich ja von ihrem Großen Führer distanzieren und von dessen autokratischer und islamistischer und auf neo-osmanische Größe zielende Politik.

    Also, wie soll da ein Brückenbau aussehen? Wie wollen wir da die Blockade auflösen?

    Ich sehe hier nicht (mehr) die Schuld bei uns.

  5. @KM

    Echteisen“? –
    Ich gehe davon aus, dass ein Einwanderungsbeamter auf keinen Fall Türkisch kann und darum eher schreiben wird:

    Etzdemmer.

    Oder Essdemmer.

    Vorname: Tschemm. Oder Kemm. Oder Ken oder Kim.

    Also, Cem Özdemir heißt dann zum Beispiel Kim Essdemmer.

    Ich übrigens würde in der Türkei vom einem, der Deutsch kann, in Aslan Köprü oder Köprülü umbenannt werden können. Und von einem, der kein Deutsch kann, vielleicht in Levent oder Lütvi oder Erol mit Vornamen, in Buruk oder Börek oder Bursun oder so mit Familiennamen.

  6. Falstaff meint:

    @ KM

    “Die Italiener und die Chinesen begannen, ihren Kindern einheimische Vornamen zu geben.”

    “In den USA wurden viele Einwanderer auch von den Behörden bei der Einreise in eine anglikanisierte Namensform umbenannt.”

    Du erkennst den UNTERSCHIED zwischen Freiwilligkeit/aus eigenem Antrieb und staatlicher VERORDUNG ?

    P.S. Einer der üblichen KMschen Nebelkerzen-Versuche….

  7. Ich glaube, die Deutschen als Bürokratiker hätten die Namen wohl eher übersetzt als sie nur nach der Aussprache umgeschrieben, wie die US-Amerikaner es gemacht haben. Kim klingt außerdem mehr koreanisch als deutsch.

  8. Falstaff, in den USA gilt der Name eher als Statussymbol als in Deutschland. Dort kann man es mit dem “richtigen” Namen wirtschaftlich weiter bringen. In den USA ist es auch sehr viel einfacher sich umbenennen zu lassen, was hierzulande fast unmöglich ist. Von daher hat das weniger mit Freiwilligkeit als mit wirtschaftlicher Notwendigkeit zu tun.

  9. Falstaff meint:

    “Dort kann man es mit dem “richtigen” Namen wirtschaftlich weiter bringen.”

    Ach. In Deutschland angeblich doch auch, oder nicht ?
    Ich denke da an Bewerbungen und Wohnungssuche ?

    P.S. Ich bin es leid, wenn KM fast grundsätzlich NICHT auf genau gestellte Fragen antwortet, sondern ausweichend, respektive in einem völlig anderen Zusammenhang. Ebenfalls gilt mein Hinweis auf fehlende Quellengaben. Ich werde daher bis auf Weiteres nicht mehr die Mühe machen, auf seine “Beiträge” ( insbesondere seine 2-3 Zeiler, die er hier so gern “reinzotzt) zu reagieren. Ihn wir das sicher freuen.

  10. Falstaff meint:

    reinrotzt, sorry

  11. Quelle habe ich genannt. Ich bin nicht Google. Ich habe hier in den letzten 8 Jahren genug Quellen verlinkt. Einfach mal die alten Kommentare lesen. Da steht das auch alles schon. Ich wiederhole mich hier im Moment nur.

  12. Es wäre auch gut, wenn Sie öfter mal Primärquellen verlinken würden als nur kurze DPA-Meldungen.

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