Sarrazin: “Feindliche Übernahme” (3) – Der Blogger als Islamkritiker

islamSarrazin behauptet, die Verteidiger der Muslime in Europa würden Islamkritik ablehnen und zu verhindern versuchen.

Nun, ich bin ein Verteidiger der Muslime in Europa – UND ein Islamkritiker. Religionskritiker. Atheist.

(Sarrazin selbst beschreibt ziemlich hölzern auf knapp 100 Seiten Koran und Islam, Geschichte und aktuelle Ausprägungen. Warum macht er das? Dafür gibt es viele kompetentere Darstellungen, auch kritische, so wie er sie schätzt. Es ist der übliche anachronistische und theologisch und philosophisch unaufgeklärte Ansatz, naiv und platt udn boshaft.)

Hier meine Islamkritik. Als Beleg und Beispiel für aufgeklärte Kritik. 

(1) Gott ist für die monotheistischen drei Religionen (die Jüdische, die Christliche, die Muslimische) der allmächtige, allwissende Schöpfer der Welt und der Menschen.

(2) Also ist er für alles verantwortlich, und zwar genau so, wie es existiert: Schließlich weiß dieser allwissende Gott, was er geschaffen hat, und er hat es so geschaffen, wie er es gewollt hat. Oder etwa nicht?!

(3) Einen freien Willen kann der Mensch also nur insoweit haben, als er sich selber nicht kennt. Gott aber weiß immer schon, was der Mensch, den er geschaffen hat, denken und tun wird. Es liegt also fest. Freier Wille kann insofern nur Einbildung sein.

(4) Warum sollte dieser Gott Menschen schaffen, die dann tun, was Gott nicht will? Es ist unlogisch, dies zu denken – wenn man (1) voraussetzt.

(5) Es kann also auch keine Hölle geben. Es sei denn, wir stellen uns diesen Gott auch als Sadisten vor. Also als Teufel.

(6) Der allmächtige, allwissende Schöpfergott ist der Gott einer patriarchalen Gesellschaft. Produkt einer bestimmten Struktur von Gesellschaft. Menschen haben sich diesen Gott gemacht.

(7) Dies (also 1-6) ist Religionskritik UND zugleich Islamkritik.

(8) Es hat in der Anthropologie, in der Evolution liegende Gründe, warum der Mensch dazu neigt, religiös zu denken, religiös zu fühlen. Alle Kulturen waren und sind in der einen oder anderen Weise religiös – dabei nicht immer, aber in den letzten 2000 Jahren sehr häufig in der Weise der drei “abrahamitischen” Religionen. (Auf diesen hochkomplexen Punkt der generellen menschlichen Religiosität möchte ich um der Kürze willen jetzt nicht weiter eingehen. In dieser Annahme liegt jedenfalls ein Grund dafür, warum ich zu den religionsfreundlichen Atheisten zähle.)

(9) Unterstellen wir einmal, es gebe einen Gott im Sinne von (1). Wie würde er zu den Menschen sprechen? – Gewiss nicht, indem er ein hebräisches oder arabisches Buch diktiert. Er würde eine Sprache wählen, die alle Menschen zu allen Zeiten verstehen. Das wäre die Sprache der Realität, der Existenz, des Seins. Was ist, das ist: Es ist das Faktum bzw. das Faktische selbst, dem wir uns bedingungslos zu unterwerfen haben. Die Realität ist das, was für uns unbedingt gilt. Etwas romantisch ausgedrückt: Gott spricht in der Sprache der Natur zu uns.

(10) Es ist einfach unsinnig, anzunehmen, historisch und menschlich-gesellschaftlich beschränkte Texte wie die Bibel oder der Koran könnten das Wort Gottes sein. Der Koran, zum Beispiel, ist ein Produkt der arabischen Gesellschaft von Mekka im 7. Jahrhundert. Er repräsentiert die Lebenswelt einer Welt, die mit der unseren heute kaum etwas zu tun hat. Mit jedem Wort, das man im Koran liest, bestätigt sich das.

(11) Alte Texte können uns dennoch viel sagen und viel bedeuten. Homers Ilias und Odyssee, die Dialoge Platons, die Bekenntnisse des Augustinus, Dantes Göttliche Komödie, Shakespeares Dramen, Goethes Faust, Prousts Recherche sind dafür ebenso Beispiele wie Bibel und Koran. Sie alle sind von überwältigender Schönheit und reichstem Gehalt. (Für die, die zu lesen und zu denken verstehen und sich auf diese anderen Welten einlassen.)

(12) Ich selbst gehöre zu den Menschen, die sich fragen: Was hält mich? Die sich fragen, was ist meine Grenze – und was ist jenseits? Der religiösen Fragestellung kann ich nicht entgehen. (Ein zweiter Grund, warum ich zu den religionsfreundichen Atheisten zähle.) Ich beantworte diese Frage aber sehr anders als die Anhänger einer der monotheistischen Religionen, oder als die Anhänger einer der heute gängigen Sekten.

(13) Meine Fragestellung und meine Antwortversuche sind geprägt von der europäischen Aufklärung: also von Skepsis und Selbstkritik und der neugierigen Offenheit gegenüber anderen Fragestellungen und anderen Antworten. Und sie sind immer gebunden an das Bewusstsein, dass wir Menschen und Gesellschaften diese Fragestellungen und die Antwortmöglichkeiten schaffen – nicht ein transzendentales Wesen.

(14) Zum Islam speziell: Während im Christentum fundamentalistische und nicht-fundamentalistische Strömungen etwa gleich häufig auftreten (in Deutschland dominieren glücklicherweise die nicht-fundamentalistischen Versionen des Christentums), überwiegen im Islam (noch?) die fundamentalistischen. Das ist ein guter Grund für grundsätzliche Skepsis gegenüber den Praktiken der Muslime in Europa. Es ist nicht Islamophobie, sondern Misstrauen und Abneigung gegenüber fundamentalistischen Formen von Religion. Welcher Islam gehört zu Deutschland?

(14) Es gilt also zu unterscheiden: Islamkritik und Islamopobi/Islamfeindschaft sind nicht das gleiche. Ich selbst bin Islamkritiker und stehe den traditionalen und den fundamentalistischen Lebensformen des Islam in Deutschland skeptisch, misstrauisch, ablehnend gegenüber. Genauso, wie ich evangelikale oder katholisch-reaktionäre oder jüdisch-fundamentalistische Lebensformen als schwer verträglich mit unserer multikulturellen (also liberalen und säkularistischen) Realität halte.

(15) INSOFERN hat Sarrazin durchaus mit mir eine politisch bedeutsame Gemeinsamkeit. Im Folgenden spreche ich zwangsläufig mehr über die Unterschiede. Über den fundamentalen Gegensatz meiner Islamkritik zu Sarrazins Hetze gegen den Islam und die Muslime.

Kommentare

  1. Frank Berghaus meint:

    Ich folge deinen Ausführungen mit Spannung. Aber zunächst warte ich ab, wohin es läuft. Deshalb nur ein kleiner, leicht zu korrigierender Punkt 8.

    Religiosität hat zweifellos eine anthropologische Komponente, aber keine evolutionäre. Wäre es so, müssten wir zumindest Anzeichen davon bei unseren nächsten Verwandten, den Bonobos und Schimpansen, sehen, was aber nicht der Fall ist. Mit ihnen teilen wir Empathie und Altruismus, aber keine Gläubigkeit an transzendente Fabelwesen. Glauben ist anders entstanden und unsere Vettern waren unbeleckt davon :D

  2. Frank Berghaus meint:

    Wissenschaft arbeitet prinzipiell ergebnisoffen – sonst wäre sie keine Wissenschaft (wir nennen das Falsifizierbarkeit). Theologie darf das gar nicht, denn es könnte ja im Ergebnis darauf hinauslaufen, dass dieses Wesen gar nicht existiert.

    Sarrazin arbeit in diesem Sinne theologisch. Sein Ergebnis ist vor Beginn der Untersuchung klar: Der Islam (was immer das auch ist) wird übernehmen. Deshalb finde ich ja auch dieses Bild so treffend: Er schiesst und anschliessend malt er die Zielscheibe.

  3. Frank,
    da die Bonobos und Schimpansen keine einigermaßen ausdifferenzierte Sprache kennen, also auch nicht die Abstraktionsfähigkeiten, die damit verbunden sind, stellen sich ihnen auch nicht die damit zusammenhängenden philosophischen bzw. religiösen Fragen.

  4. Falstaff meint:

    Welch glückliche Spezies, die Primaten….

  5. Frank Berghaus meint:

    @Leo:

    Du bestätigst gerade meine Kritik :D

  6. Korbinian meint:

    @Falstaff

    und wenn sie Bock haben dann nehmen sie sich einfach eine Primatin. Ohne diese ganze Kulturgedöns…

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