Islamkritik und Aufklärung

theorieIch habe ein Problem mit reaktionären Varianten des Islam.

Formen, die systematisch und auf Dauer eine patriarchalische und autoritäre Familienstruktur abzusichern versuchen.

Die dies versuchen gegen unsere multikulturelle, liberale, dem Individuum Eigenverantwortung und große Freiheitsspielräume zugestehende und zumutende Lebensform.

Wird nicht in vielen religiösen Familien (es gibt auch die christlich-fundamentalistische Variante) von innen her, von der Familie her die Tendenz zur Diktatur gefördert?

Hierzu formuliere ich gleich selbst einen Einwand: Wie man nicht nur in Ostdeutschland sehen kann, tendieren auch viele eher “westlich” (also säkular und nicht-patriarchalisch) erzogene Menschen zum Autoritären.

Die patriarchalische Familie ist nicht die einzige Quelle der Neigung mancher, Probleme durch einen autoritären Staat oder einen politischen Supermann lösen zu lassen.

Wir begegnen nicht zuletzt unter muslimischen Migranten vielen, die ihre Väter und Mütter nicht kritisieren können. Politisch haben sie dann Schwierigkeiten, generell Autoritäten, die sie anerkennen, auch und zugleich – also obwohl sie sie anerkennen! – aus einer gewissen Distanz heraus skeptisch zu prüfen oder wenigstens eine solche Prüfung zu akzeptieren.

Es gehört zu den nötigen Kompetenzen in einer multikulturellen und demokratischen Welt:

Autoritäten ZUGLEICH anerkennen und kritisch betrachten zu können.

Da kann man dann in zwei Richtungen versagen:

(1) Man erkennt die vorgegebene und für vernünftige Interaktion notwendig zu akzeptierende Autorität derer, die durch Status, Amt oder Kompetenz legitimerweise Autorität beanspruchen können, nicht an.

(2) Und andersherum: Man unterwirft sich blind und bedingungslos der Autorität, als deren Untertan oder Gefolgsmann man sich sieht.

Viele Formen der Religion üben solche Untertänigkeit, solch blinden Gehorsam ein. (Du folgst deinem Vater, wie du Gott folgst. Du folgst Gott, wie du deinem Vater folgst. KRITIKLOS. BEDINGUNGSLOS.)

Andererseits besteht durch unsere nicht-religiösen Verhältnisse auch die Gefahr, dass zu viele Menschen sozusagen autoritäts-verwirrt reagieren, sich also in Autoritäts-Angelegenheiten desorientiert und chaotisch und ganz auf ihr panisches Ego zurückgeworfen zeigen.

Was den Westen ausmacht, ist

eine Kultur der Distanz zu Autoritäten, eine Kultur der Kritik und Selbstkritik,

die institutionalisiert ist (als Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit)

und sich in vielen (den meisten?) Köpfen als kritisches Selbstverhältnis realisiert, als primäre Wahrheitsorientierung

(contra Stammesorientierung, contra Egomanie, contra Ehre, contra Autoritätshörigkeit).

Das ist die Kultur der Aufklärung, die den Westen relativ stark macht und die Grundlage des Erfolgs im Bereich Wissenschaft, Technologie, Ökonomie und politischer Organisation liefert.

DAGEGEN läuft zum Beispiel ein Erdogan sturm. Autoritätskritik hassen er und seine Fans wie die Pest. Von einer Kultur der Autoritätskritik müssen sie sich radikal abgrenzen.

Die patriarchalische, von der Religion legitimierte Familie kämpft gegen diese kritisch-aufgeklärte und darum liberale, säkulare und multikulturell orientierte Lebensform.

Womit sie sich selbst in Deutschland ausgrenzt.

Neugierig beobachte ich, wie in Islamkreisen mit diesem Problem umgegangen wird. Mit Sympathie sehe ich alle Versuche, den Islam mit unserer Lebensform kompatibel zu machen. Letztlich wird sich nur ein sich in unserer Umwelt konstruktiv entwickelnder Islam in unserer Kultur halten können.

Es sei denn, unsere Kultur bricht zusammen. Was natürlich auch passieren kann.

Unseren Rechtsradikalen ebenso wie den Salafisten und generell den Feinden der multikulturellen liberalen säkularen Gesellschaft, auch denen von links, wäre ein solcher Zusammenbruch recht.

Sie hassen und verachten die Kultur und die Gesellschaft, in der sie leben.

Es bildet sich eine Querfront – gegen die Aufklärung.

Kommentare

  1. Korbinian meint:
  2. Es ist wohl ein lose-lose-Spiel:
    Die Regierung in Berlin verliert: Kaum jemand versteht (so wie ich) die politisch-strategischen und diplomatischen Überlegungen hinter dem Schachzug unserer Politiker.
    Die Erdotürken in Deutschland und Ditib verlieren ebenfalls – weil die Wut gegen sie immer noch weiter zunimmt, gerade auch durch so ein perverses Ereignis.
    Ob Erdogan etwas gewinnt? – Was denn? In der Türkei geht es jetzt langsam, aber schon spürbar und sicher bergab. Damit auch für Erdogan.

    Vielleicht glauben aber immer noch einige seiner Fans, es handle sich bei dem Besuch um eine Unterwerfungsgeste Deutschlands unter den überlegenen Großen Führer der Heiligen Türkei? Erdogan wird das hoffen. Der Jubel seiner Fans für ihn wird das beschwören.

    Geduld, Korbinian. Die Geschichte arbeitet zuverlässig gegen Erdogan und seinen Anhang. Nach und nach, Posten für Posten, präsentiert sie ihnen die Rechnung.

    Und foltert damit unseren armen Fantomas.

    Das ist das verdiente Fegefeuer für Größenwahn. Manchmal dauert es lang, manchmal kommt sie recht schnell, diese Strafe. Manche gehen am Ende geläutert aus dem Feuer hervor. (Wir Deutsche haben das nach 1945 geschafft.) Manche verbrennen darin. Die Trotzigen lernen nix, aus Trotz. Und gehen trotzig unter. (Woran natürlich DIE ANDEREN schuld sind.)

  3. @Leo

    Moin!

    So kurz bevor der Erdogan herkommt, kriegt der Laschet kalte Füße und dementiert einen gemeinsamen Besuch und der Verfassungsschmutz will “nur die Zentrale” beobachten. Ein Schelm….

  4. Erdogan ist nun mal “radioaktiv”. Es tut hierzulande niemandem gut, ihm zu nahe zu kommen. Bundeskanzlerin, Bundespräsident und Außenminister tragen einen schweren diplomatischen Schutzmantel, der es ihnen erlaubt, dem Verbrecher sogar die Hand zu schütteln. Die anderen sollten sich “um ihrer Gesundheit willen” möglichst fernhalten von Erdogan.

    Ditib ist out. Kein Partner mehr.
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/moscheeverband-ditib-verfassungsschutz-prueft-beobachtung-a-1229257.html

    Es kommt nichts Gutes raus, wenn einer wie Erdogan Politik macht. Am Ende steht die Katastrophe. Sie kommt schleichend. Du merkst, wie sie herankommt, Cenki, nicht wahr? In der Türkei ebenso wie in Deutschland.

    Hätte Erdogan nicht noch vor einem Jahr “Ihr seid Faschisten!” geschrien, wenn man ihm den öffentlichen Auftritt in Köln verboten hätte? Jetzt ist er da ganz still. Jetzt geht alles nur noch darum, den Absturz aufzuhalten oder zu bremsen oder zu verzögern.
    Aufschub in Idlib.
    Goodwill in Berlin.
    Hektische Aktivitäten in Ankara zur Rettung der Lira.

    Und warum sitzt Ahmet Altan im Gefängnis?
    https://www.sueddeutsche.de/kultur/ahmet-altan-tuerkei-1.4137991

    In seiner Verteidigungsrede sagte der 67-Jährige damals voraus: “Dieses Land wird mit einer wirtschaftlichen Katastrophe dafür bezahlen, dass es sich von den europäischen Werten distanziert.”

    Inzwischen ist die Krise da. Altans Rede war ein Wutausbruch, dem Staatsanwalt rief er zu: “Bravo! Sperrt alle ein! Das ist eure Zeit. Aber Zeiten ändern sich. Zeiten ändern sich immer.”

    Mit deiner Unterstützung des Verbrechers Erdogans machst du dich selber schmutzig, Cenki. Und im Rückblick (etwa aus dem Jahre 2028) wird deine Sympathie für Erdogan und seine Politik einen tiefen Schatten auf dich und auf alle Türken werfen, die Religion und Politik nicht zu trennen wissen.

    Erdogan ist ein Feind des Islam. Ein politischer Zerstörer der Religion. Wir fragen uns, was Islam ist – und sehen den Verbrecher Erdogan agieren – im Namen des Islam.
    (So etwas gilt ähnlich für die iranischen Mullahs und die Evangelikalen in den USA.)

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