Begriffsverlegenheiten und Rassismus

deutschlandIn einem überwiegend meine Meinung repräsentierenden Aufsatz lese ich diesen Satz:

Auch “Bio-Deutsche” im Gegensatz zu “Pass-Deutschen” sind keine harmlosen Wortspiele, sondern bagatellisierende Komposita als Teile des xenophoben rechten Agenda Settings.

Meines Wissens stammt die Idee für diese Begriffe von Seyran Ates. Aber egal, von wem – habt ihr einen anderen, einen besseren Vorschlag?

Es gibt zum Beispiel auch den Vorschlag “Urdeutsche” und “Ethnodeutsche”, um den Unterschied zu den “Passdeutschen”, also den eingebürgerten Deutschen zu bezeichnen.

Auch ich schüttle hier unzufrieden den Kopf.

Nun höre ich aber, allein schon den Unterschied zu machen, sei rassistisch oder wenigstens diskriminierend.

Wirklich?

Wir können uns über die Begriffe, die wir da verwenden, am Kopf kratzen – sie sind alle nicht glücklich gewählt und eher Verlegenheitslösungen, aber wer mir weismachen will, es sei kein Unterschied zwischen einem eingebürgerten Deutschen und einem geborenen, dem sage ich, er bewegt sich auf Trump-Niveau.

Er leugnet die Wirklichkeit.

Ich bin Deutscher, und mein bester Freund K. ist Deutscher. Letzterer auch (!) ein Türke, wenn auch ohne türkischen Pass; er ist eingebürgerter, also vollgültiger und hundertprozentiger Deutscher wie ich.

Aber ich bin kein Deutschtürke. Ich habe keine türkischen Vorfahren. Meine Muttersprache ist nicht Türkisch.

Da hat mein Freund mir etwas voraus. Oder, anders gesagt, da liegt ein (mir sympathischer) Unterschied.

Ich selber habe außer meiner deutschen Muttersprache noch Eltern und Großeltern, die in der Zeit des Nationalsozialismus und Zweiten Weltkriegs erwachsene Deutsche waren. Ich trage insofern die deutsche Geschichte mit sehr anderen Verpflichtungen auf meinen Schultern als mein Freund K., der sich eher mit der türkischen Katastrophengeschichte und den türkischen Geschichtsmythen herumschlagen muss.

Das ist einer der Unterschiede zwischen mir, dem Deutschen, der deutsche Vorfahren hat, und dem Deutschen, der türkische Vorfahren hat (und in der Türkei geboren und aufgewachsen ist).

Wer leugnet, dass solche Unterschiede bestehen und dass sie Bedeutung haben, der – spinnt. (Es tut mir nicht leid, wenn sich jemand durch diese Attacke beleidigt fühlt.)

Wo Unterschiede sind, brauchen wir Begriffe, um die Unterschiede zu benennen.

Jetzt brauchen wir also einen Begriff, der die von mir kurz dargestellten zwei unterschiedlichen Arten, ein Deutscher zu sein, erfasst.

Aber, so höre ich wieder einen Einwand, damit wird doch dein Freund K. diskriminiert!

Was für ein Unsinn!

Ich frage mich, was in einem Kopf vorgeht, der offensichtliche Unterschiede so von vorne herein und kategorisch negativ wertet, dass er sie leugnen muss, um anständig bleiben zu können?

Mir scheint, jemand, der meint, solche Unterschiede wie die zwischen – ich nehm jetzt mal eben aus Verlegenheit: weil ich keine anderen Begriffe zur Verfügung habe – Herkunftsdeutschen und Einwandererdeutschen seien von vorne herein negativ gewertet, selber ein Rassist sein muss.

Als multikulturell tickender Mensch sind für mich solche Unterschiede nicht nur sichtbar und gegeben, sondern auch schön, angenehm, wertvoll.

Multikultur bedeutet nun mal Verschiedenheit, bedeutet nun mal, dass es Unterschiede gibt – und dass diese Unterschiede gut und nützlich sind.

 

 

 

Kommentare

  1. Frank Berghaus meint:

    Bei der Wiedervereinigung (und lange noch danach) sprach man von den alten und den neuen Bundesländern. Das könnte man evtl. sinngemäss hier applizieren. (Als Diskriminierung könnte es trotzdem noch aufgefasst werden).

  2. WENN es jemand als Diskriminierung auffasst – lassen wir uns davon einschüchtern?

    Es sind rassistische Neigungen, die uns das Feststellen und Ausdrücken solcher Unterschiede als diskriminierend vorhalten.

    Die multikulturelle Gesellschaft lebt hingegen davon, dass es Unterschiede gibt. Dass sie gelebt und erfahren und ausgedrückt werden.

    Also, ich bin ein Ethnodeutscher, ein Biodeutscher, ein Urdeutscher, ein Herkunftsdeutscher. Und mein Freund K. und meine Exfrau Z. sind es nicht. Und der Unterschied ist bedeutungsvoll. Relevant. Was man spätestens dann merkt, wenn es um die deutsche Verantwortung für Holocaust und 2. Weltkrieg geht. Hitler & Mittäter waren nun mal keine Türken, sondern … Deutsche in einem Sinne, der über Staatsbürgerschaft und Muuttersprache hinausgeht.

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