Leitwerte, nicht Leitkultur

Übmultikulturer den Begriff Leitwerte werde ich mich noch genauer informieren. Sascha Lobo hat mich darauf gestoßen, in seinem Kommentar zu Maaßen bei Spiegel Online. Er selber hat den Begriff aus dem Buch von Bart Somers: Zusammenleben. (Ich kaufe und lese es demnächst.)

Ich zitiere aus der Amazon-Werbung (bei allen Zitaten: meine Absätze und meine Hervorhebungen):

Die belgische Stadt Mechelen war mal ganz unten, verwahrlost und kriminell. Ihr Image: die dreckigste Stadt Belgiens.

Doch Bart Somers hat sie wieder aufgerichtet – mit einer verblüffenden Doppelstrategie: Null-Toleranz und Multikulti.

Im Jahr 2016 wurde Bart Somers in London vom Weltverband der Bürgermeister zum „besten Bürgermeister der Welt“ gewählt.

Somers ist in seiner Stadt Mechelen gelungen, was in den meisten Städten mit sozialen Brennpunkten nur selten gelingt:

Er hat die Kriminalitätsrate dramatisch gesenkt, und trotz 128 Nationalitäten und 20 Prozent muslimischem Bevölkerungsanteil klappt in seiner Stadt die Integration.

Sascha Lobo dazu:

Wir brauchen Leitwerte statt bräsiger Leitkultur. Multikulti plus unnachgiebig durchgesetzte Leitwerte als Erfolgsrezept (…).

Werte aber sind eine Frage der offensiven Vermittlung, in Schulen, in der Politik, in den Medien, in der Öffentlichkeit.

Dazu gehört auch: Wer nicht bereit ist, Leitwerte zu akzeptieren, muss unter rechtsstaatlichen und zivilgesellschaftlichen Druck gesetzt werden.

Was sind solche Leitwerte?

Wie ich spielt Lobo auf einige Migrantengruppen an, die meinen, hier bei uns gegen uns ihre heimatliche Gesellschaft fortführen, auf Dauer etablieren zu können. Lobo betont die Zweiseitigkeit des deutschen Integrationsproblems:

Manche migrantische Gruppen tun sich mit der Integration in eine aufgeklärte Wertelandschaft offensichtlich schwerer als andere.

Neben Frauenrechten und Akzeptanz aller sexuellen und geschlechtlichen Orientierungen eignet sich gerade die Einstellung gegenüber Juden hierbei als Maßstab – aufgrund der besonderen Verantwortung Deutschlands.

Wenn irgendwo eine Integration in Leitwerte gelingen muss, dann hier.

Dann kommt er zu dem Punkt, um den offensichtlich mein Streit mit der InitiativGruppe geht:

Der arabisch-israelische Psychologe und Autor Ahmad Mansour, selbst praktizierender Muslim, sagt, Integration sei ”in erster Linie die Bringschuld der Zugewanderten“.

Ich vermeide angesichts der Komplexität der Thematik zwar “Schuldhierarchien”, aber die mangelnde Bereitschaft Deutschlands zur Integration Nichtweißer trifft auf eine sehr diverse Bereitschaft zur Werte-Integration innerhalb migrantischer Gemeinschaften.

Integration muss bedeuten, sich gemäß der Leitwerte in eine freie, gleichberechtigte, offene, plurale, demokratische Gesellschaft einfügen zu können und auch aktiv einzufügen und ansonsten nach “seiner Fasson glücklich zu werden“.

Mansours Buch habe ich bereits gelesen. Ich werde bald daraus einige Absätze zitieren und diskutieren.

Lobos Kommentarthema ist übrigens Verfassungs-Nichtschützer Maaßen. Es geht um einen “heimlichen Rechtswunsch“:

Ein Teil der deutschen Bevölkerung hegt einen heimlichen Rechtswunsch, also eine instrumentelle Sympathie für die AfD. Man findet sie zu radikal oder “unschön”, sicher.

Man äußert sich vielleicht sogar gegen sie. Aber die stille Hoffnung ist eine AfD, die gerade eben so stark ist, dass sie auf die Politik – vor allem die Migrationspolitik – der anderen Parteien “korrigierend” wirkt.

In der Folge sind ursprünglich gefestigte Demokraten mit anderen Parteipräferenzen nicht über die Maßen besorgt bei 15 Prozent für die rechtsextreme AfD.

Eine Haltung, die übrigens viel leichter fällt, wenn man ein weißer, heterosexueller, christlicher Mann ist.

Kommentare

  1. Ein sehr interessanter Text:

    Viele Sozialwissenschaftler kommen zu der überraschenden Erkenntnis: Für die Entstehung radikaler Strömungen werden wirtschaftliche Gründe bisher klar überschätzt. [...] Ausschlaggebend seien vielmehr „kulturhistorische, soziokulturelle oder sozialpsychologische Faktoren“.

    [...]

    seit den siebziger Jahren habe sich die politische Auseinandersetzung von der klassischen Links-rechts-Achse (Markt gegen Staat) auf eine kulturelle Konfliktlinie verschoben: Individualismus gegen Gemeinschaft. [...] Auf der einen Seite stehen die „Kosmopoliten“, erläutert der Leipziger Forscher Lengsfeld. [...] Auf der anderen Seite stehen die „Kommunitaristen“, denen die große weite Welt gestohlen bleiben kann [...] Wettbewerb um Jobs, Wohnungen – und womöglich auch um Frauen. [...]
    Da kann eine Erweiterung des Angebotspools durch gut aussehende junge Syrer nur stören. „Es wäre erstaunlich, wenn das keine Rolle spielte“, sagt der Leipziger Soziologe Andreas Tutic.

    [...]

    Das Potential war latent schon vorher da, Heitmeyer hat es schon Anfang des neuen Jahrtausends auf rund 20 Prozent der Bevölkerung taxiert [...] Der einzige Faktor von Gewicht, so Heitmeyer, ist Anerkennung. [...] „Wer nicht wahrgenommen wird, ist ein Nichts“, sagt der Forscher. Dabei zählt, ob die eigene Meinung gehört wird – und ob man das auch so empfindet. [...] Fakten spielen dabei allenfalls eine untergeordnete Rolle. [...] Wenn die Anerkennung fehlt, sehnen sich die Leute nach der starken, autoritären Hand. [...] Das Deutschsein ist der zentrale Identitätsanker, die Wiederherstellung der Kontrolle das Versprechen.

    [...]

    Viel wird über die Integration von Ausländern gesprochen, aber ein Teil der Deutschen könnte mit dem gleichen Maßstab als nicht integriert gelten. Die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping hat darüber gerade ein Buch geschrieben: „Integriert doch erst mal uns“. [...] Die Ministerin sieht die Ursache in „unbewältigten Demütigungen, Kränkungen und Ungerechtigkeiten“ aus der Nachwendezeit während der neunziger Jahre. Sie zieht auch vorsichtig Parallelen zu anderen Bevölkerungsgruppen, die auf einmal als Minderheit in einer anders geprägten Mehrheitsgesellschaft wiederfinden: zu den Migranten. Auch hier kommt nach einer Generation oft die heikelste Phase im Integrationsprozess, zu dem Zeitpunkt also, an dem sich das vereinte Deutschland jetzt befindet.

    [...]

    Gerade im ständigen Aufholen und Nachahmen könnte das Problem liegen. „Im Leben des Nachahmenden vermischen sich zwangsläufig Gefühle der Unzulänglichkeit, Unterlegenheit und Abhängigkeit, des Identitätsverlustes und der unwillkürlichen Unaufrichtigkeit“, schreibt der bulgarische Politologe Ivan Krastev. „Imitatoren sind niemals glückliche Menschen.“

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/mehr-wirtschaft/die-gruende-fuer-das-aufbluehen-der-afd-und-des-radikalismus-15790134.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

  2. Müssen Kommunitaristen und Kosmopoliten unversöhnliche Gegner, Antagonisten sein?
    Mir kommt es persönlich so vor, als wäre ich beides, Kommunitarist und Kosmopolit, und als ob sich beides gegenseitig bedingen würde.

    Gerade WEIL ich zuverlässig verwurzelt bin in meinen lokalen und partikularen Verhältnissen (etwa als Münchner, als Deutscher, als weißer Mann, als alter 68er, etc.), kann ich ohne Scheu kosmopolitisch denken und handeln: Ich verliere mich nicht, meine Füße bleiben auf dem sicheren Boden der Heimat, der Welt des Vertrauten.

    Es sind wohl eher die Wurzellosen, die verzweifelt die verlorenen gegangenen lokalen und partikularen Vertrautheiten suchen bzw. einfordern. Die, die in die sich globalisierende Welt nicht richtig integriert sind, weil sie sich nicht selbst ihre Heimat vital zu gestalten in der Lage sind. (Diese Heimat ist sowohl in uns als auch außerhalb, um uns herum.)

    DEN Eindruck habe ich auch, dass die AfD-Wähler im Grunde nicht integriert sind. Dass ihnen das reale Deutschland fremd ist. Die modernen Entwicklungen überfordern sie. Da ist zu viel Revolution im Alltag, in der Arbeitswelt, in der Lebenswelt.

    Und wie man früher mal die Juden für ALLES Schlechte verantwortlich gemacht hat – “Die Juden sind unser Unglück!” – so heute die Flüchtlinge bzw. die Einwanderer. Das generelle Unbehagen an der permanenten Revolutionierung der Welt wird fokussiert auf eine Gruppe von Menschen, die man schlecht machen kann, die man anklagen kann, der man die Schuld geben kann.

    Das hat früher funktioniert und funktioniert heute wieder.

    Die Leitwerte, die wir den Einwanderern nahe zu bringen versuchen, dürften auch den nicht-integrierten Nicht-Einwanderern unangenehm fremd sein. Zumindest teilweise.

    AKP und AfD sind miteinander verwandt …

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