Zwei Diskurse zur Einwanderung

integrationDiskurs 1:

Deutsche wandern in andere Länder aus. Zum Beispiel nach Italien, Brasilien und China.

Tun sie das, sind sie für das Gelingen ihrer Einwanderung selbst verantwortlich.

Die Italiener, Brasilianer oder Chinesen werden sich nicht den deutschen Einwanderern anpassen. (Auch wenn sie vielleicht ganz nebenbei mal was von ihnen lernen sollten.)

Die einwandernden Deutschen werden im Interesse des Gelingens ihrer Einwanderung gut daran tun, dem Volk, in das sie einwandern wollen, einigermaßen angenehm und nützlich zu werden.

Klappt die Einwanderung nicht, wäre es nicht fair, wenn diese Deutschen den dort Einheimischen die Schuld zuschöben. Scheiternde Einwanderer sollten erkennen, dass sie eben eine falsche Entscheidung getroffen haben. Und die Konsequenz daraus ziehen.

Frage: Sind wir uns DARÜBER einig?

Zweite Frage: Gilt dies dann auch für Einwanderer nach Deutschland?

Dritte Frage: Inwiefern gilt es auch für Flüchtlinge?

Vierte Frage: Wie verhält sich das bei der zweiten und dritten Generation?

Diskurs 2:

Deutschland hatte ein Interesse an Einwanderung, hat es heute und wird es in Zukunft haben.

Woraus folgt: Wir sollten es denen, die bei uns einwandern wollen, möglich machen, Fuß zu fassen, sich einzugliedern, im Rahmen des Möglichen einheimisch zu werden.

Da gibt es Hindernisse – Einwanderer haben eine andere Muttersprache, haben eine andere Geschichte und mancherlei andere Kultur in den Nerven, insofern eine nicht-deutsche Identität auch dann, wenn sie die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben.

Was ja nichts Negatives ist – im Gegenteil. Es passt besser zur multikulturellen Gesellschaft als das sozusagen reine Ethnodeutschsein. Ein Deutscher ist nicht nur ein Deutscher. Und man kann auf sehr verschiedene Weise deutsch sein.

Wir haben ein deutsches Interesse daran, den Einwanderern zu helfen, voll respektierter Teil unseres bunt gewordenen Deutschlands zu werden – trotz oder gerade wegen der verbleibenden und weiter gelebten Unterschiede.

Frage: Hat Deutschland hier genug geleistet?

Frage: Was genau muss das Einwanderungsland hier leisten? Wie weit muss es dabei gehen?

Wo sollte es Grenzen setzen?

Diskurs 1 & Diskurs 2:

Diskurs 2 hebt Diskurs 1 nicht auf. Die Einwanderer bleiben selbst verantwortlich für das Gelingen ihrer Einwanderung.

Zweitens muss das Einwanderungsland auch auswählen und Grenzen setzen können. Es hat ein Interesse daran, dass möglichst solche Menschen einwandern, die es verstehen, sich – gemäß Diskurs 1  – uns angenehm und nützlich zu machen.

Wobei wir ihnen klugerweise möglichst weit entgegenkommen und ihnen aus Eigeninteresse helfen werden.

Frage: Ist es – in diesem Rahmen gesprochen – erlaubt, den Migranten zu sagen: Das Gelingen eurer Einwanderung liegt in EURER Verantwortung?

Wenn nicht – warum nicht?

Und was würde es für die Integration bedeuten, wenn den Einwanderern nicht klar wäre, dass das Gelingen ihrer Einwanderung primär in ihrer eigenen Verantwortung liegt?

 

Kommentare

  1. A majority of Europeans favor taking in refugees, but most disapprove of EU’s handling of the issue

    http://www.pewresearch.org/fact-tank/2018/09/19/a-majority-of-europeans-favor-taking-in-refugees-but-most-disapprove-of-eus-handling-of-the-issue/

  2. Korbinian meint:

    Ich frage mich in diesem Kontext ob es geschichtlich vergleichbare Fälle gibt in denen Einwanderer in ein Land ein solch dichtes soziales Netz zur Verfügung hatten. Ich vemute mal nein.

    In Bezug auf deutsche Auswanderer nach Brasilien und in die USA gibt es einige interessante Parallelen zur heutigen Debatte um die Türkdeutschen.
    Soweit ich weiß hatten die Deutschen in den USA gegen Ende des 19. Jhs und auch noch ins 20. Jh. hinein in vielen Gegenden quasi autonome Strukturen aufgebaut. Es wurde dort nur Deutsch gesprochen und sie wurden in Ruhe gelassen. Ab dem Ersten Weltkrieg änderte sich das rapide und sie wurden unter Assimilationsdruck gesetzt welcher sich durch die Zwanziger und Dreißiger weiter zog mit den bekannten Folgen.
    In Brasilien ganz ähnlich. Autonome Strukturen im Süden. Viele nur Deutschsprachige Orte, dann kam in den Dreißigern der Diktator Vargas und Brasilien trat auf Seite der Allierten in den Zweiten Weltkrieg ein. Portugiesisch wurde als einzige Amtssprache von oben durchgesetzt und die Deutschbrasilianer assimilierten sich. Heute gibt es nur noch etwas Oktoberfestfolklore.

  3. Die traditionellen Einwanderungsländer (USA, Kanada, Australien, Neuseeland) bestanden zunächst fast nur aus Einwanderern: Die “Eingeborenen” dort wurden weggeräumt, zum Teil vernichtet, zum Teil an die Ränder oder in Reservate gedrängt. Man kann die Einwanderungsverhältnisse dieser vier Länder nicht gut mit denen in Europa gleichsetzen.

    Auch später, als dann neue Einwanderer hinzukamen, hatten die inzwischen zu “Einheimischen” gewordenen Bürger eine andere Art von Identität als die Völker in Europa – sie wussten sich noch selber als Abkömmlinge von Einwanderern.

    Europa: Es ist ein historisch erstaunliches Phänomen:

    Nationen, die zunächst ausdrücklich kein Einwanderungsland sind, die sich auch als ein solches auch nicht verstehen wollen, öffnen dann doch die Grenzen und verändern ihre inneren Strukturen, so dass sie – beinahe gegen ihren Willen – zum Einwanderungsland werden.

    Die europäischen Staaten, die diesen Weg gegangen sind – Schweden, Norwegen, Dänemark, Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande, Belgien vor allem, aber auch Frankreich und England, Spanien und Portugal (aufgrund der Kolonialgeschichte mit noch etwas anderem Hintergrund) – diese Nationen, die also den überraschenden Weg zum Einwanderungsland gegangen sind, haben es alles in allem gut geschafft, trotz der vielen ungünstigen Verzögerungen und Behinderungen dabei. Solche Lern- und Wandlungsprozesse geschehen und gelingen nicht auf Anhieb und ohne Reibungen und Verluste.

    Die Wandlung zur Einwanderungsgesellschaft war notwendig, aus wirtschaftlichen und demographischen Gründen, und hat diesen Nationen sehr genützt.

    Welche REICHE Nation in Europa funktioniert heute ohne hohen Einwandereranteil? – Finnland könnte man vielleicht nennen, und Island. Vielleicht noch Irland. In diesen drei Ländern am Rand Europas ist der Einwanderungsanteil relativ gering, das BNP aber durchaus im Bereich der Nationen mit dem hohen Einwanderungsanteil. Nun könnte man untersuchen, was die Gründe für diese bisher erfolgreichen Ausnahmen sind. (AfDler könnten das im Interesse ihrer Agenda machen. Aber zu so viel Rationalität und Forschungsehrgeiz reicht es bei ihnen nicht.)

    Die osteuropäischen Länder sind noch beim Aufholen, beim Ausschöpfen der vorhandenen Ressourcen. Ist der Prozess abgeschlossen, dürfte sich für sie auch die Frage stellen, ob sie sich zur Einwanderungsgesellschaft wandeln müssen, um das nun erreichte Niveau zu halten.

    Polen hat immerhin Millionen Ukrainer als Einwanderer aufgenommen.
    In Estland besteht ein Viertel der Bevölkerung aus Russen, in Lettland ist es wohl ein Drittel.

    Allen xenophoben Paranoikern ins Stammbuch: Der Wandel zur Einwanderungsgesellschaft ist bisher einhergegangen mit einer Zunahme des Wohlstands und einer Abnahme der Kriminalität.

    Erfolgreiche Integration führt auf der nächsten Stufe zur Assimilation.

    Man könnte sich natürlich auch Schweizer Verhältnisse vorstellen: vier Völker, vier Muttersprachen … Aber in Falle der Schweiz handelt es sich nicht um Einwanderung der Franzosen, Italiener und Rätoromanen. Dito im Fall Südtirol.

    Gibt es einen Fall von Einwanderung in ein europäisches Land, das dauerhaft und erfolgreich eine Einwanderergruppe zwar integriert, aber nicht assimiliert hat? Mir fällt kein Beispiel ein.

    Ein asiatisches Beispiel: Die Chinesen in Malaysia und Indonesien?

    Ein afrikanisches Beispiel: Die Weißen (Buren, Engländer, Deutschen) in der Republik Südafrika und in Namibia?

    Korbinian, dein Beispiel Brasilien ist instruktiv. Praktisch handelt es sich dort um Assimilation. Dito Chile.

  4. Frank Berghaus meint:

    Als jemand, der seit 20 Jahren als expat in einem anderen Land mit einer vollständig anderen Kultur lebt, hier verheiratet ist (mit noch einmal einem fast nicht mehr erhofften vierten Kind) kann ich über diesen Text bei allem Respekt nur schmunzeln. Das geht alles irgendwie an den Realitäten vorbei.

  5. Frank Berghaus meint:
  6. So wie sich das liest, hat Mansour leider keinen Einfall, wie die Probleme gelöst werden sollen.

  7. Mansours Buch habe ich mit leidenschaftlicher Zustimmung gelesen. (Nur bezüglich Israel bin ich anderer Ansicht als er.)

    Inwiefern gehen meine zwei Diskurse an den Realitäten vorbei?

    Ich denke übrigens, dass meine zwei Diskurse ziemlich genau Mansours Position beschreiben.

    Aus der von dir verlinkten Rezension zitiert:

    Er beschreibt einen gefährlichen Mangel an „emotionaler Integration“, einen manifesten Dissens mit allem, was uns teuer ist, von der Gleichheit der Geschlechter, von Glaubensfreiheit, einem selbstbestimmten Leben bis zur gewaltfreien Erziehung.

    Und er beschreibt, wie und warum so viele Einwanderer in ihre parallele Welt gerieten. Das Ergebnis: ein ewiges Zerrissensein zwischen Kulturen, das ein Ankommen verhindert.

    Auch, weil Helfer und Prediger einer falschen Toleranz die Unterschiede noch zementieren, Opferrollen ausbauen, die ihnen viel Macht verleihen und Migranten in einer Unmündigkeit halten, die es ihnen unmöglich macht, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

  8. Doch, KM.

    Mansour fordert uns (persönlich, amtlich, politisch) dazu auf, unsere Leitwerte engagierter gegen die Anmaßungen islamistischer Migranten zu verteidigen. Wir sollten uns nicht einschüchtern lassen von dem Vorwurf, Diskriminierer und Rassisten zu sein oder die Religionsfreiheit zu missachten, wenn wir auf unseren Standards bestehen und Integration daran messen, dass Migranten sich den Standards der multikulturellen Gesellschaft öffnen.

    Ich werde demnächst aus dem Buch zitieren.

  9. Frank Berghaus meint:

    @Leo:

    Ich denke an Bringschuld und Holschuld. Da bist du leider noch immer zu häufig neben den Realitäten. Daher mein sehr persönliches Beispiel meiner Integration in dieses ursprünglich so fremde Land.

    Wobei bereits “Schuld” ein schlechtes Gewissen machen soll. Ich stimme auch mit Ahmad weitestgehend überein, sonst hätte ich den Link nicht gegeben. Ahmad ist auch Mitglied in meiner Gruppe “Europa – Islam – Menschenrechte”, und mit ihm etliche andere Reform-Muslime. Solche dulde ich auch auf meiner humanistischen Seite, wenn sie versprechen, die Gottesfrage nicht aufzugreifen. Denn darüber kann man nicht vernünftig diskutieren. Wir lassen ihnen ihre Spiritualität und sie nerven nicht mit Fabelwesen :D

  10. Du kennst wohl nur Gläubige mit Fabelwesen. Ich kenne auch andere – ganz ohne Fabelwesen.

    Gott kann für einen Gläubigen auch etwas sein, was kein “Wesen” ist. Sondern etwas, das für uns nicht in Worte, nicht in Begriffe zu fassen ist. Etwas, das nicht einmal “etwas” ist, sondern jenseits aller Sprache. (Der Ausdruck “etwas” ist dann nur eine sprachlich nicht zu vermeidende Verlegenheitslösung.)

    Was unsere Frage angeht, so hab ich deine Bemerkung nicht verstanden. Bitte werde etwas deutlicher und ausführlicher! Danke.

    Mir geht es außerdem nicht um Schuld, sondern um Verantwortung. Ich halte es für menschlich konstruktiv, die Verantwortung für das eigene Tun zu tragen. Wenn ich irgendwo einwandere, bin ich sowohl für meine Wahl als auch für das Gelingen meines Vorhabens verantwortlich. Machen mir diejenigen, bei denen ich eingewandert bin, ein wirkliches Ankommen und Dabeisein zu schwierig, hab ich – ich! – die falsche Entscheidung getroffen, das falsche Land gewählt.

    Ich würde als Einwanderer von den Tunesiern nicht verlangen, dass sie nun wegen meiner Bedürfnisse anders werden müssten, als sie sind. Ich würde aber natürlich immer solche Kontakte in der neuen Heimat vorziehen, in denen ich der bleiben kann, der ich bin. Denn dass ich anders bin und anders bleibe als die Tunesier, wäre mir selbstverständlich. Ich würde den tunesischen Pass erwerben – und Deutscher bleiben. Und dabei mein hartnäckiges Deutschsein so gestalten, dass es meine tunesischen Mitbürger möglichst nicht nervt und ihnen nicht bedenklich vorkommt.

    Ganz würde sich das nicht realisieren lassen – es würde abweisende Blicke von einigen, von vielen vielleicht geben. Aber man muss ja nicht jedem gefallen. Einen relevanten Teil des Volkes braucht man aber schon auf seiner Seite, wenn das Hineinwachsen gelingen soll.

    Würden sich die Tunesier an meinem Atheismus stören, würde ich ihn so gut wie möglich verbergen. Könnte oder wollte ich das nicht, würde ich ihnen keinen Vorwurf machen, sondern mir entweder eine stoische Haltung zulegen – oder wieder auswandern.

  11. Frank Berghaus meint:

    Als ich in Tunesien ankam habe ich mir einen Arabisch-Sprachlehrer genommen, der dreimal die Woche abends zu mir nach Hause kam. Das hat nicht unerheblich zu meiner initialen Integration beigetragen. Mit der Heirat wurde das dann sicherlich erst richtig intensiv. Will sagen: ich habe praktisch vollständig allein meine Integration bewältigt, da es entsprechende Hilfsangebote staatlicherseits hier auch gar nicht gibt. Ich halte es maW für falsch, wenn man den in D ankommenden gleichsam eine Integration aufdrängt. Wer sie nicht will, soll eben wieder gehen, wer sie anstrebt, wird es auch aus eigener Kraft schaffen.

    Ich bin und bleibe zwar Deutscher (wenn auch mit lebenslanger Aufenthaltsgenehmigung ausgestattet, was ein echtes Privileg nur für ein paar Tausend expats bedeutet), aber ich bin trotzdem rundum akzeptiert. Inzwischen leite ich auch die Elterngruppe der Schulklasse meiner Tochter – und die wissen natürlich, dass ich Ausländer bin. Sie haben nicht die geringsten Probleme damit.

    Art. 6 der neuen tunesischen Verfassung garantier jedem Bürger die freie Weltanschauungswahl. Je nach Umfrage bekennen sich zwischen 5% und 8% offen zum Atheismus, dazu kommmt eine Kategorie (die ich nur von hier kenne), die sich als “nicht-praktizierend” bezeichnet. Honi soit…

    Also auch da muss ich nichts verstecken. Mit einem Schwager (der einmal begann, den Koran auswendig zu lernen) diskutiere ich recht häufig über weltanschauliche Fragen. Da würde ich – anders als du – eben nichts verstecken.

  12. @Frank Berghaus
    Inwiefern haben Sie sich ihren Aufenthalt in Tunesien finanziert als Sie dort hingezogen sind bzw. warum konnten Sie sich dort niederlassen? Ersparnisse, bereits eine Arbeitsstelle sicher gehabt oder durch gute Beziehungen? Hatten Sie einen finanziellen Vorteil durch Währungs- und Lohnniveau-Unterschiede? Mich würde mal interessieren, inwiefern diese Situation sich auf einen Tunesier übertragen ließe, der sich nun in Deutschland niederlassen möchte.

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