Arbeiterstrich

soziale-frageEcke Goethe-/Landwehrstraße im Münchner Bahnhofsviertel Süd.

Da stehen sie und warten darauf, dass ein Wagen auftaucht, der sie zu einer Arbeitsstelle bringt.

Da arbeiten sie dann, oft ohne jeden Kontrakt, oft schwarz, manchmal werden sie nicht oder nur halb bezahlt. (Sie können sich nicht wehren.)

Wo übernachten sie?

Woher kommen sie?

Betreut sie jemand?

>>>hier eine 7-minütige Reportage des Bayerischen Rundfunks dazu.

Die selbe Szene in Hamburg. Spiegel Online bringt eine umfangreiche Reportage darüber.

Über Arbeitsmigranten auf dem Arbeiterstrich.

(Aus Bulgarien kommen sie hier wie da. In München sind es ganz oder überwiegend Roma bzw. türkisch sprechende Bulgaren. In Hamburg auch? Die Reportage informiert uns nicht darüber. Political correctness?)

Panows Träume waren nie groß. Ein Haus, eine Familie, genug Geld, mehr wollte er nicht. Doch im Krisenland Bulgarien konnte er nicht einmal das erreichen.

Er verließ sein Heimatdorf Borisovo, verließ Bulgarien, zog wie rund zwei Millionen seiner Landsleute durch Europa, auf der Suche nach gut bezahlter Arbeit. Und ging, wie viele andere, dabei verloren.

Er landete auf dem sogenannten Arbeiterstrich, in einem System aus Scheinselbstständigkeit, halblegalen Mietverhältnissen und Dumpinglöhnen. In einer Welt ohne Sicherheit und Sozialleistungen.

In Strukturen, die sich in Deutschland und in anderen EU-Ländern immer mehr verfestigen.

Strukturen, die ausgerechnet eine zentrale Errungenschaft der Europäischen Union erst möglich macht: das Grundrecht eines jeden EU-Bürgers in jedem EU-Staat zu arbeiten.

Ich vermute, die meisten von den zwei Millionen Bulgaren, die ihre Heimat arbeitssuchend verlassen haben, werden sich nicht mit denen identifizieren, die auf den Arbeiterstrich gehen.

Wie viele sind auf dem Arbeiterstrich in Deutschland? – Vielleicht hunderttausend? Die Reportage fragt nur. Hat jemand die Zahlen?

Wenn wir uns hingegen fragen, warum der Arbeiterstrich von den Behörden zugelassen wird, finden wir leichter eine Antwort:

An der Ausbeutung dieser Billiglohn-Arbeiter verdienen sowohl die Firmen, die sie beschäftigen, als auch wir, die die Produkte dieser Firmen dann billiger bekommen.

Die ungelernten Arbeitsmigranten werden in ganz unterschiedlichen Branchen eingesetzt: Sie helfen auf Baustellen, bei der Ernte oder im Trockenbau, sie arbeiten in Schlachthöfen und in der Gastronomie, in Lagern und in der Pflege, räumen im Hafen Container aus, reinigen Büros und Hotelzimmer, pflegen Grünflächen… die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Die Stundenlöhne liegen nach Angaben der von uns befragten Bulgaren zwischen fünf und zehn Euro, gezahlt wird meist bar auf die Hand.

Die Arbeitsverhältnisse sind oft illegal oder bewegen sich am Rande der Legalität. Einen ordentlichen Arbeitsvertrag haben die wenigsten Lohnarbeiter.

“Viele Arbeitsmigrantinnen und -migranten sind so gut wie rechtlos”, sagt Christiane Tursi von verikom, einem gemeinnützigen Verein, der sich gegen die Ausbeutung ausländischer Arbeiter einsetzt. “Wer mehr Geld oder einen Arbeitsvertrag will oder auch nur einen Tag krank ist, riskiert seinen Job.”

Lohndumping – ist durchaus kapitalismus-kompatibel. Allerdings nicht sozialsstaats-kompatibel.

“Es gibt viele Wege, den gesetzlichen Mindestlohn zu unterlaufen”, sagt Christiane Tursi von verikom. Mal müssten Billiglöhner heimlich Überstunden schieben, mal müssten sie einen Teil ihres offiziellen Einkommens in bar zurückzahlen. Und manchmal bekommen sie nach getaner Arbeit einfach gar nichts.

Die Bulgaren vom Arbeiterstrich machen sich strafbar, wenn sie illegalen Wohnraum und illegale Jobs annehmen. “Und wer einmal mit drinhängt, ist erpressbar”, sagt Sozialarbeiterin Tursi. Die Migranten wehren sich kaum gegen ihre ausbeuterischen Vermieter und Chefs. Und sie tun sich schwer mit der Integration.

“Die Migrantinnen und Migranten haben kaum Zeit und Kraft, Deutsch zu lernen”, sagt Tursi. “Dadurch können sie kaum Kontakt zu Einheimischen aufnehmen und sich auch nicht über ihre Rechte informieren.” Betrüger haben mit ihnen oft ein leichtes Spiel.

Interessant, dass das bei uns so einfach durchgeht.

Was tun?

Kommentare

  1. Frank Berghaus meint:

    Ich bin nicht sicher, ob “Arbeiterstrich” die Situation wirklich kennzeicnet. Es ist immer leicht, das von unserer abgehobenen Warte aus zu beurteilen.

    Nähkästchen: Anfang der 60er Jahre ( also so mit 16/17 herum) war ich zweimal die Woche um 5hr morgens am Dortmunder Grossmarkt (am Ostbahnhof) und wartete darauf, dass ich von einem Händler für DM 1,75 p/h engagiert wurde, um Bananenstauden vom Zug ins Lager zu schleppen. Zwei Stunden und 3,50 DM später schleppte ich mich dann durchaus nicht unglücklich in die Schule, hatte ich doch erfolgreich mein wöchentliches Taschengeld vom Vater, das damals 5 DM betrug, ausreichend aufgenordet. Aber viel wichtiger für mich: Ich hatte etwas SELBST getan, hatte für mein eigenes Wohlsein Zeit und Kraft geopfert. Mein Taschengeld wuchs so von 5 auf 12 DM. Da konnnte ich mir dann schon einmal bei Mutter Pieper (unsere Lieblingsgastwirtin nach der Schule) eine köstliche (noch dampfende) Frikadelle und ein kleines Bier leisten – selbst erarbeitet, nichts war geschenkt!

    Als Prostituierter hätte ich mich – falls ich überhaupt gewusst hätte, was das ist – sicher nicht gefühlt. :D

    Ich weiss, dass die Situation der bulgarischen und rumänischen Gelegenheitsarbeiter nichts mit meiner damaligen Situation als Schüler zu tun hat. Allein der Titelbegriff liess mich etwas breimäulig werden.

  2. Der zugegeben heiße Begriff richtet sich weniger gegen die Arbeiter als kritisch gegen diejenigen, die sie ausbeuten – und diejenigen, die solche Ausbeutung zulassen.

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