Deutschland-Hymne

deutschlandEs hat lange Zeit zum guten Ton unter uns Linken gehört: Der anständige Deutsche ist einer, der auf Deutschland und die Deutschen schimpft.

Jetzt aber haben wir die offene, die multikulturelle, die demokratische Einwanderungsgesellschaft. Wir haben ein Deutschland, das wir verteidigen müssen – gegen den Angriff von rechts.

Wir leben in einem Deutschland, auf das wir Lobeshymnen singen können.

Es ist eines der besten Länder auf der Welt. Natürlich denke ich dabei auch an die wirtschaftlichen Leistungen. Vor allem aber: Kaum ein Land ist so weltoffen, multikulturell, in kaum einem Land hat man eine gesündere politische Kultur als in Deutschland.

Wozu unsere phänomenale Fähigkeit zur Selbstkritik gehört. Wir können uns selbst schätzen – und zugleich, wenn’s denn mal sein muss, auch in die Pfanne hauen.

Drei historisch ziemlich einmalige Leistungen haben wir vorzuweisen.

Die erste ist das Aufbau- und Wirtschaftswunder. Die Geschwindigkeit und Effizienz, mit der das materiell kaputte Deutschland wieder aufgebaut und wie die ca. 12 Millionen Flüchtlinge von den 44 Millionen Einheimischen integriert wurden, dürfte Weltrekord sein.

Die zweite kam dann mit der nächsten Generation, die 68er. Die Wirtschaftswunder-Eltern hatten Kinder, die sich ins gemachte Nest setzen konnten – aber nun die nächste notwendige Aufgabe zu lösen hatten: das Verstehen und Verarbeiten der deutschen Verbrechen in den 12 Jahren der Nazizeit. Wieder haben wir Deutsche eine historisch einmalige Leistung vollbracht. Ich kenne kein Beispiel, das heranreicht an unsere deutsche Gründlichkeit und Tiefe und Radikalität und Aufrichtigkeit in der nationalhistorischen Selbsterforschung. Und ihrer Umsetzung in Gedenkstätten, Schulbüchern, Medien, Denkmälern, Platz- und Straßenbenennungen, etc. Wir sind ein anderes Volk geworden. Eines, das gelernt hat.

Die dritte außergewöhnliche Leistung folgte auf dem Fuße. Deutschland und die Deutschen waren sich 1960, 1970, 1980 einig: Deutschland ist KEIN Einwanderungsland und wird garantiert keines werden, und die “Gastarbeiter” werden fast alle das Land wieder verlassen. – Eine Generation später stellen wir fest, dass wir eine mentale Revolution vollzogen haben. Wir Deutsche haben gelernt, dass wir ein Einwanderungsland sind und sein müssen – und wir wollen es nun auch sein. Und wir schaffen das. 

Es dürfte auf der Welt nicht viele Länder geben, die eine so starke Willkommenskultur und so wenig Alltagsrassismus, geschweige denn institutionellen Rassismus haben wie Deutschland. – Kanada vielleicht, aber das war von vorne herein ein Einwanderungsland. Norwegen könnte ich noch vor uns sehen, vielleicht auch die Niederlande, trotz Geert Wilders’ Wahlerfolgen und der nicht gerade einwanderungsfreundlichen konservativen Regierung dort. Ok, gilt Schweden noch, nach den jüngsten Entwicklungen? Welches Land würdet ihr sonst hier und heute für großzügiger gegenüber Migranten einschätzen als Deutschland?

Es ist kein Wunder, dass Deutschland für Einwanderer attraktiv ist – trotz des gewöhnungsbedürtigen Wetters und der anstrengenden Sprache. Und trotz der – in jeder Gesellschaft üblichen – Abwehrreaktionen.

Jede Einwanderung ist ein Kompliment für uns. Nicht nur für unsere Wirtschaft, sondern auch für unsere auffallend gut funktionierende multikulturelle Gesellschaft. (Dabei muss ich natürlich Ostdeutschland ausnehmen.)

Unsere Einwanderer wählen Deutschland zurecht. Diejenigen, die sich über uns beklagen, bleiben trotzdem gerne hier – weil es anderswo ja wohl eher schlechter ist.

- Ich weiß natürlich, wie sich jetzt unsere “links-anständigen” Deutschen und jene Migranten, die den Kuscheldiskurs bevorzugen und gern die Schuld für alles, was ihnen wehtut, anderen zuweisen – wie sich gewisse Kreise also über meine Deutschlandhymne wundern und ärgern werden.

Für sie ist ein Lob Deutschlands tendenziell immer irgendwie rechts und peinlich. Über Deutschland darf man eigentlich nichts Gutes sagen. Sofort kommen sie jetzt über mich mit einer endlosen Liste von Kritikpunkten. Hast du vergessen, dass … dasss … dass …

Ja Leute, so ein gutes Land sind wir, dass wir es uns leisten können, uns selber schlecht zu machen.

Über unsere deutschen Miesmacher werde ich den nächsten Artikel verfassen.

Dass dieser Artikel auch etwas mit der IG-Debatte zu tun hat, möchte ich nicht verheimlichen.

Schaut mal auf die Spalte rechts!

Natürlich traut sich wieder einmal niemand in der IG, der hier anderer Meinung ist als ich, mir öffentlich zu widersprechen.

Kommentare

  1. Korbinian meint:

    Was man den Deutschen noch ankreiden könnte ist ihre Billig- und Geiz-ist-Geil-Mentalität:

    https://www.welt.de/wirtschaft/article182954922/Preiskampf-Die-Banane-ist-Aldis-naechster-Suendenfall.html

    Zumindest findet hier sukzessive ein Umdenken statt.
    Was auch die Zugewinne der Grünen bei den Wahlen teilweise erklärt.

  2. Man kann mir, man kann dir, man kann den (?) Deutschen viel ankreiden.

    Aber ich stelle fest: Ich mag mich trotzdem selber. Ich mag meine Deutschen trotzdem. Und ich gestehe dir und Cenki und jedem anderen Menschen zu, dass er oder sie sich auch selber mag.

    Und darum geht es.

    Es gibt die Möglichkeit, ein positives Selbstverhältnis mit Selbstkritik zu vereinen und in Balance zu halten.

    Angesichts meiner vielen kritischen Artikel über Deutschland scheint mir diese “Deutschlandhymne” mal zur Balance nötig zu sein.

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